Medien : Der Rennsteig ruft

Fritz Pleitgen fährt nach 23 Jahren wieder in den Thüringer Wald

Thomas Gehringer

Erich Honecker, wer war das noch? Ratlosigkeit macht sich breit in den Schüler-Gesichtern. Einer weiß immerhin, dass Erich Honecker ein „ganz, ganz führendes Glied“ in Partei und Staat gewesen ist. Seine genaue Position kenne er leider nicht, und die anderen Jugendlichen wissen offenbar noch weniger. Dabei stammt die Schülergruppe aus Thüringen, ehemaligem DDR-Gebiet also. Vielleicht sind sie ja ein wenig erschrocken vor der Fernsehkamera oder vor dem altväterlichen Fritz Pleitgen, der das Gespräch mit der jungen Generation nur mühsam auf Touren bringt. Wahrscheinlicher ist aber, dass das Interesse am bis zur Wende 1989 mächtigsten Mann des SED-Regimes bei der ersten Generation Ost nach dem Mauerfall nur noch mäßig ausgeprägt ist. Goodbye, Erich.

Fritz Pleitgen aus dem fernen Köln erinnert sich dagegen noch genau; denn der heutige WDR-Intendant war mal Korrespondent in der DDR und hat 1980 fürs ARD-Fernsehen den Film „Der Rennsteig“ gedreht. Um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen wach zu halten, wie er sich erinnert. 23 Jahre später hat er die Reise auf dem Höhenweg durch den Thüringer Wald wiederholt, hat damalige Gesprächspartner erneut aufgesucht, war aber auch an Orten, die für ihn damals verbotenes Terrain waren. So stöberte er einen Bunker auf, in den sich die SED-Genossen im Ernstfall zurückziehen konnten, und kletterte auf den Schneekopf, wo die Telekom den einstigen DDR-Horchposten übernommen hat. Eine interessante Perspektive also, mit der sich Veränderungen genau belegen lassen. Das geschieht freilich bei Pleitgen im betulichen Stil eines Heimatfilms, und so lautet der Titel auch völlig zu Recht „Winterzauber im Thüringer Wald“. Gleich zu Beginn lässt sich Pleitgen von einem Hundeschlitten durch eine entzückende Schneelandschaft ziehen und – pardauz – gekonnt in den Tiefschnee plumpsen. Ein kleiner Scherz zur Auflockerung, Intendanten-Slapstick gewissermaßen.

Vor 23 Jahren war die Reise nicht ganz so lustig. Pleitgen war nach der Wende überrascht, mit welchem Einsatz die Stasi seine Dreharbeiten beobachtet hatte. Gerne hätte er diejenigen getroffen, die damals hinter ihm und seinem Kollegen Lutz Lehmann her gewesen waren. Das klappte nicht, dafür begegnete er Rolf Anschütz wieder, der in Suhl ein japanisches Restaurant betrieben hatte. Dort konnten die verdienten Genossen vor dem Essen baden – nackt! Entsprechend lang, zwei Jahre, war die Wartezeit. Anschütz’ Geschäftsidee überlebte den Systemwechsel nicht, immerhin wird in Eisenach statt Wartburg nun Opel montiert, und auch die Produktion an Plüschtieren ist in Sonneberg läuft weiter. Die Infrastruktur sei unvergleichlich besser geworden, sagt Pleitgen. „Damals glaubte man, nicht husten zu dürfen, weil man befürchtete, dass die Häuser zusammenbrechen.“ Nur das Wetter, das sei bei Honecker stabiler gewesen.

„Winterzauber im Thüringer Wald“: ARD, um 21 Uhr 45

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