Medien : Der Rücken der Dinosaurier

Aus Kreuzberg für den Weltmarkt – wie ein Computerspiel entsteht

Kurt Sagatz

Robin Miehes Finger fliegen über die Tastatur. Während normale PC-Spieler froh sind, ihre virtuellen Figuren per Maus einzufangen und zum Ort des Geschehens zu schicken, ist Miehe beidhändig unterwegs. Links die Tastatur, rechts die Maus. Wenn er seine Truppen in den Kampf schickt, sieht der Gegner vor lauter aufgewirbeltem Staub seine Mannen erst wieder, wenn sie besiegt am Boden liegen. Robin Miehe ist einer der wenigen Deutschen, die davon leben können, am Computer gegen echte und virtuelle Gegner zu kämpfen. Einen Namen hat er sich mit seinen Erfolgen beim Strategiespiel „Command & Conquer“ gemacht, doch seit einiger Zeit kommt er aus anderen Gründen ins Schwitzen.

In der vierten Etage des Fabrikgebäudes in Kreuzberg herrscht drückende Hitze. 40 zumeist junge und überwiegend männliche Spieleenthusiasten sitzen vor dreimal so vielen Monitoren, legen letzte Hand an ein Produkt, das den Entwicklern der Berliner Firma Spieleentwicklungskombinat (SEK) endgültig den Durchbruch bringen soll. Damit der Verkauf von „Paraworld“ im September ein Erfolg werden kann, müssen mit Hochdruck die letzten Fehler in der Programmierung beseitigt werden.

„Paraworld“ ist ein so genanntes Echtzeitstrategiespiel. Echtzeit heißen solche Spiele, weil die Handlung nicht aus einem vorgefertigten Baukasten abgerufen, sondern je nach Verhalten des Spielers „in Echtzeit“ berechnet wird. Mit brutalen Actionspielen haben die Echtzeitstrategiespiele nichts zu tun. Anders als bei Egoshootern wie „Counterstrike“ oder „Doom“ wird hier nicht Mann gegen Mann oder Mann gegen Monster gekämpft, in „Paraworld“ befehligt der Spieler seine Truppen und betrachtet das Ergebnis wie ein General aus gehobener Feldherrenperspektive.

Feinde gibt es auch in „Paraworld“ genug. Inspiriert vom Roman „The Lost World“ von Arthur Conan Doyle haben die Entwickler von SEK eine Parallelwelt geschaffen, in der Dinosaurier und Mammuts das Bild prägen, erklärt Thomas Langhanki, einer der vier Gründer des Spieleentwicklungskombinats. In dieser Welt leben drei Völker, ein nordisches, ein asiatisches und ein afrikanisches. Wie Hannibal seine Elefanten in die Schlacht führte, so beherrschen die Urzeitvölker Dinos wie den T-Rex und setzen sie als Kampftiere ein. Der wichtigste Kampf findet nicht zwischen diesen Völkern und ihren Dino-Truppen statt, sondern gegen machthungrige Wissenschaftler. Sie haben die Macht der Schwarzen Löcher nutzbar gemacht, um zwischen unserer Welt und der „Paraworld“ zu wandeln und beide Welt zu beherrschen. Nur wer alle Völker vereint, kann gegen diesen Gegner gewinnen.

Um die Welt der PC-Spiele zu beherrschen, braucht es Geld und einen langen Atem. Vier Jahre Entwicklungsarbeit stecken in „Paraworld“, allein das Drehbuch benötigte anderthalb Jahre. Die Entwicklungskosten werden sich am Ende auf acht Millionen Euro belaufen, so Langhanki. Ohne starken Partner ist dies nicht zu schaffen. Beim SEK heißt dieser Partner Sunflowers, PC-Spielern durch die sehr erfolgreichen Titel „Anno 1503“ und „Anno 1602“ bekannt. Der Aufwand für die Entwicklung eines PC-Spiels ist mit der Produktion eines Kinofilms zu vergleichen, nicht nur finanziell. Um den Ansprüchen der Spieler zu genügen, wurde die Musik für „Paraworld“ von den Magdeburger Sinfonikern eingespielt. Für die 45-minütigen Digitalfilmsequenzen des Spiels wurden die deutschen Synchronstimmen von Richard Gere und George Clooney engagiert. Damit sich die Spielfiguren möglichst realistisch bewegen, wurden die Bewegungsabläufe in den Babelsberger Filmstudios mit speziellen Motion-Capturing-Kameras eingefangen und später für die Programmierung der Computermodelle eingesetzt.

„Das Spiel muss 200 000 bis 500 000 Mal verkauft werden, damit es sich rechnet“, sagt Geschäftsführer Langhanki. Um das zu schaffen, reichen gute Spielideen nicht aus. Die wirtschaftliche Strategie muss stimmen. „Paraworld“ besteht aus zwei Spielen. Das eine richtet sich an Einzelspieler, die dem linearen Handlungsverlauf in den verschiedenen Kampagnen folgen, um am Ende den Kampf gegen die fehlgeleiteten Wissenschaftler zu gewinnen. Beim anderen Spiel kämpft der Spieler nicht gegen den Computer, sondern gegen andere PC-Nutzer, weltweit über das Internet. Bis zu acht Gegner können ihre Kräfte bei „Paraworld“ messen. Wenn man sieht, wie Profispieler Robin Miehe seine Dinos befehligt, kann man allerdings nur hoffen, nicht auf solche Gegner zu stoßen. Immerhin ist sich Miehe sicher, dass „Paraworld“ in der Netzwerkspieleszene eines der ganz großen Spiele werden kann – und von Kreuzberg aus den Weltmarkt erobert.

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