Medien : Der Schattenmann

Deutschland hat voraussichtlich eine neue Medienrolle zu vergeben, die des Kanzlerin-Gatten. Wie könnte Joachim Sauer sie ausfüllen?

Harald Martenstein

Den Briten Dennis Thatcher, der vor zwei Jahren gestorben ist, behält die Welt als einen leicht vertrottelten Gin-Tonic-Trinker und engagierten Golfspieler in Erinnerung. Das ist ungerecht. Dennis Thatchers herausragender Charakterzug war Loyalität. Die Brillanz seiner Ehefrau hat er, wie die Chronisten schreiben, rückhaltlos bewundert. Als Margaret Premierministerin wurde, schaffte er sein teures Auto ab, obwohl er es sehr mochte, und stieg auf ein bescheideneres Modell um. Er wollte sie nicht mit protzigen Allüren kompromittieren. Ist ein solcher Mann wirklich ein so genannter Pantoffelheld? Oder ist er nicht einfach nur ein netter Typ?

Nach den Wahlen wird sich Deutschland voraussichtlich an eine neue Medienrolle gewöhnen, das männliche Gegenstück zur First Lady, einen Dennis Merkel. Der Chemieprofessor Joachim Sauer, 55, Ehemann von Angela Merkel, wird… was eigentlich? First Gentleman? Wie geht man als Mann mit dieser Rolle um?

Es gibt nur eine begrenzte Zahl von Rollenvorbildern. Ähnlich dominant wie Margaret Thatcher soll Indira Gandhi gewesen sein, die ihren politisch nützlichen Nachnamen ihrem Mann Feroze verdankte, der allerdings mit Mahatma Gandhi nicht verwandt war. Feroze Gandhi gehörte zu der kleinen Glaubensgemeinschaft der Parsen. Indira sorgte dafür, dass die Kinder nicht als Parsen erzogen wurden. Ministerpräsidentin Golda Meir aus Israel und Präsidentin Vigdis Finnbogadottir aus Island lebten von ihren Männern bereits getrennt, als sie den Gipfel ihrer Karriere erreichten. Finnbogadottir hatte einen Freund, der bei Terminen manchmal im Hintergrund auftauchte. Die Ukrainerin Julia Timoschenko und die Türkin Tansu Ciller heirateten Geschäftspartner, die auf dem Feld der Wirtschaft ähnlich erfolgreich waren wie sie selber. Sie bildeten ein Team, in dem die Rollen nicht ganz so klar verteilt waren oder sind wie bei den Thatchers. Als Ciller, damals erst Außenministerin der Partei des Rechten Weges, von einem Misstrauensvotum der Opposition bedroht wurde, sagte ihr Mann Özer – das Zitat stammt aus der „Zeit“: „Ich werde jedem Abgeordneten zwei Millionen Dollar zahlen, der auf die Seite der Partei des Rechten Weges wechselt.“ So weit wäre Dennis Thatcher wohl nicht gegangen.

Nur eine Ministerpräsidentin, die norwegische, war mit einem Gelehrten verheiratet, wie Joachim Sauer einer ist. Gro Harlem Brundtlands Gefährte Arne Olav, mit dem sie vier Kinder aufzog, pflegte sich selber allerdings ironisch als „Privatsekretär der Ministerpräsidentin“ vorzustellen. Er war ein engagiertes Mitglied der Konservativen, seine Frau gehörte zu den Sozialdemokraten.

Deutsche Kanzlergattinnen sind seit Jahrzehnten Mediengestalten, das Image ihrer Männer prägen sie mit: die herzliche Volksfreundin Rut Brandt, die patente Tante Loki Schmitt, die tragisch-einsame Hannelore Kohl und Doris Schröder-Köpf, die wahrscheinlich bei den politischen Inhalten mehr mitgeredet hat als ihre Vorgängerinnen, auch wenn man nicht genau weiß, wie viel mehr. Sie haben sich um seltene Wiesenkräuter und um Hirnverletzte gekümmert, Kinderbücher herausgebracht und für einen guten Zweck Hundefutter beworben, sie haben gehegt und gepflegt, gute Taten vollbracht, sie blieben bis heute dem traditionelleren Frauenbild – Hüterin des Hauses, Spenderin von Wärme und Güte – verhaftet, als es der gesellschaftlichen Wirklichkeit entspricht.

Joachim Sauer könnte nun den vermeintlich neuen Mann vorführen, der versucht, ohne Einbußen an seiner Männlichkeit karitativ tätig zu sein, oder er könnte die Rolle des Kanzlergatten anders definieren, männlicher – irgendwas mit Autorennen vielleicht? Nein, das wird nicht passieren: Sauer hat eben seinen Beruf, Merkel hat ihren. Seine spärlichen öffentlichen Auftritte zeigen, dass er kein Dennis Thatcher ist, unwahrscheinlich, dass er seiner Frau, wie Dennis, die Handtasche trägt. Es ist eben etwas völlig anderes.

Die politische Figur der ihrem Mann untergeordneten, aber Kraft seiner Macht inoffiziell über dem Volk thronenden „First Lady“ war eine Anleihe nicht nur bei der herkömmlichen Rollenverteilung in der Familie, sondern auch bei der Monarchie. Hannelore oder Loki, die Frau des Königs, Dennis, der Prinzgemahl. Mit Merkel und Sauer nähert sich das republikanische Modell „berufstätiges Paar“ der Regierungsspitze. Zwei, die ihren jeweils eigenen Weg gehen und ihre Bedeutung nicht vom anderen ausleihen. Bei den Schröders war das vor allem deshalb nicht möglich, weil Doris Köpf politische Journalistin ist und weil man diesen Beruf als Frau des Bundeskanzlers schlecht ausüben kann.

Wie die Schröders sind auch Merkel und Sauer beide geschieden, Sauer hat zwei Söhne aus erster Ehe. Das ist eben die gesellschaftliche Realität, heißt es, sie hat sogar die CDU erreicht. Weit ist der Weg von Karin Stoiber, die sicher noch mal eine echte First Lady gewesen wäre, zu Joachim Sauer, bei dem man gegebenenfalls gar nicht wüsste, wie man ihn nennen soll, „First Gentleman“ eher nicht. Das Amt hat sich erledigt.

Die Gesellschaft besitzt eben viel mehr Sogkraft als jede Partei. Deswegen kann eine Opposition, die in die Gesellschaft hineinwirkt, unter bestimmten Umständen genauso viel Macht entfalten wie die Parteien in der Regierung. Nicht die CDU hat das Land geistig-moralisch gewendet, wie Helmut Kohl einst versprach, sondern die CDU ist vom Land geistig-moralisch gewendet worden. Beweis: zum Beispiel Joachim Sauer.

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