Medien : Der Schleichwerbungsfindungswahrscheinlichkeitsfaktor

Das Erste und seine verbotene Liebe: Eine neue „Clearing-Stelle“ will Missständen im Fernsehen auf die Spur kommen. Zehn Tipps für die Suche in zehn Programmen

Bernd Gäbler

Warum sie in den Aufsichtsgremien so wenig bemerkt hätten, wollte ein rühriger dpa-Journalist von einigen Rundfunk- und Verwaltungsräten wissen. Die Antworten waren ernüchternd: Im Großen und Ganzen müsse man den Sendern vertrauen. Nun war die Umfrage nicht repräsentativ. Der Kollege hätte sonst Wochen gebraucht. Denn insgesamt gibt es in öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Verwaltungsräten sage und schreibe 641 Mitglieder. Sie müssen sich um Haushalte kümmern, Personalentscheidungen vorbereiten, fraktionell tagen, Arbeitsgruppen und Ausschüsse bilden. Fast scheint es, als könnten sie sich da um so Nebensächliches wie die Programme nicht auch noch kümmern.

Jetzt wird alles anders. Eine operative Einheit, die ARD-weite „Clearing-Stelle“, prüft und überwacht. Der um Aufklärung bemühte WDR-Intendant Fritz Pleitgen hat inzwischen dem epd-Journalisten Volker Lilienthal, der die Lawine lostrat, für die Aufdeckung der Missstände gedankt, gleichzeitig aber betont, die weitere Klärung sei wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Damit die aufwändige Sichtung nicht zur Arbeitsbeschaffungsmaßnahme verkommt und die Clearing-Stelle bei der Stecknadelsuche nicht kräftige Balken übersieht, werden ihr folgende Handreichungen zugeeignet. So sind Erfolge möglich. Dank ist nicht nötig, eine rasche Bearbeitung wäre nützlich.

1. Herr Gäb

Hans Wilhelm Gäb ist ein honoriger Mann. Tischtennis, Opel und Organspende – so lautet der Dreiklang seines Engagements. Jetzt steht er der Sporthilfe vor, weil sein Vorgänger dem MDR-Sportchef Wilfried Mohren im Alleingang Geld als „Sporthilfe-Medienbotschafter“ zukommen ließ. In der Affäre Mohren geht es um den Verdacht der persönlichen Bereicherung, aber auch um das seltsame redaktionelle Prinzip, kleineren Sportarten dann Berichtszeit zu gönnen, wenn sie dafür zahlten. Unter Sportreportern hält sich hartnäckig das Gerücht, dass ausgerechnet der Tischtennisverband der Erste war, der diese Art von Geldverkehr für sich entdeckt hatte. Turniere bekamen Werbung in die Halle, wenn ihre TV-Präsenz gesichert war. Eine Investition dafür schuf eine WinWin-Situation. Dies soll auch in der Zeit geschehen sein, als Herr Gäb noch dem DTTB vorstand. Betraf diese Regelung wirklich nur das private Sportfernsehen DSF? Eine Prüfung wäre für alle Beteiligten sinnvoll. Schleichwerbungsfindungswahrscheinlichkeit (SWFW): mittel

2. Spielorte

Es wäre ein wenig effektives Vorgehen der Clearing-Stelle, ziellos Vergangenes zu sichten. Zumal manches so nahe liegt. Manche Show zum Beispiel könnte man hier wie da inszenieren, dennoch ist der Ort meist kein Zufall. Wenn der Sender Sat1 zum Beispiel seine sommerliche Grill-Show aus Halle/Westfalen überträgt, darf eine Übereinkunft mit dem Kleiderhersteller Gerry Weber angenommen werden. Die großflächige ARDShow „Deutschland-Champions“ kam aus dem Europapark Rust, was auch ungefähr in jeder Moderation eifrig betont wurde. Ausgiebig wurde die örtliche Achterbahn bespielt. Nun wäre einmal zu prüfen, ob es mehr gab als so offenkundig schleichende Werbung: vielleicht Verträge oder gar Geldverkehr? SWFW: hoch

3. „Marienhof“ bei Gerry Weber

Dass die Vorabendserie „Marienhof“ bei der Schleichwerbung eine herausragende Rolle spielt, wird sich bis zur Clearing-Stelle herumgesprochen haben. So wurde in der am 6. Juni 2003 ausgestrahlten Folge für die Badelotion „Calinda“ geworben. Am Tag darauf, am 7. Juni 2003, fand nun in Halle/Westfalen als Rahmenprogramm ein lustiges Ereignis statt, über das liebevoll berichtet wurde: Raul und Carlos Garcia spielten ein Tennisdoppel gegen Martin von Beyenbach und Florian Brandner. Wem diese Tennis-Stars nichts sagen: Es sind Figuren aus den ARD-Serien „Marienhof“ und „Verbotene Liebe“, die sich da bei Gerry Weber tummelten. Hier sollte ein Anfangsverdacht nicht ausgeschlossen werden. SWFW: hoch

4. Lotto-Show

Ganz woanders, nämlich in der „Warner Bros. Movie World“, fand die „Lotto-Show“ statt. Vom 29. August 1998 bis zum 19. Mai 2001 wurden insgesamt 18 Shows im Ersten ausgestrahlt. „Produziert wird die Show in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Lotto- und Totoblock“, kann man noch heute im „ABC der ARD“ nachlesen. Und die Deutsche Klassenlotterie meldet auf ihren Internetseiten, sie habe „mit der Lotto-Show im Jahr 1998 auch die Bildschirme erobert“. Hier könnte die Clearing-Stelle doch einfach einmal ex post die Art der Zusammenarbeit überprüfen. Dies wäre nicht nur die Bewältigung der Vergangenheit, denn für den 15. Oktober 2005 ist zum 50. Lotto-Geburtstag eine Show-Sondersendung im Ersten mit einem Supergewinn von fünf Millionen Euro fest eingeplant. Ob dies zurzeit so passend ist? SWFW: sehr hoch

5. CMA

So wie bei der Lotto-Selbstdarstellung im Netz lohnt es sich, nicht nur TV-Endprodukte zu sichten, sondern bei der Quelle der Werbung zu beginnen. Die berühmte CMA, die sich so rührig für Milch und Fleisch aus deutschen Landen einsetzt, ist uns spätestens durch Sportschau-Spots und -Sponsoring bekannt. Das ist legal. Unter dem Rubrum „CMA bietet Fernsehen für jeden Geschmack“ sind aber gleich seitenweise TV-Sendungen zur „Verbraucherkommunikation“ – von der ARD-„Sportschau“ über „Toggo United“ (Super RTL) bis zu „Volle Kanne“, „Fernsehgarten“ (ZDF) und „Querbeet“ (BR) – aufgelistet. Jetzt muss man nur noch schauen, wo keine Werbespots geschaltet sind – und schon hat man Schleichwerbung erwischt. Es reicht aber eigentlich auch festzustellen, wo und wie der CMA-Koch Armin Roßmeier überall zeigt, was man aus deutschen Produkten so alles zubereiten kann. SWFW: superhoch

6. Sportschau

Wo wir schon bei der „Sportschau“ sind: Ulrich Wickert darf ja keine Werbung im „Tagesthemen“-Ambiente machen. Gut so. Wer aber zu Saisonbeginn den „Kicker“ zur Bundesliga erwarb, erhielt als kostenlose Dreingabe eine DVD. Da spricht der „Kicker“-Chefredakteur mit Monica Lierhaus über alle Vereine – im „Sportschau“-Studio. Hundert Kurzporträts von Spielern sind aus ARD-Material zusammengeschnitten. Als Redakteur ist Sportschau-Chef Steffen Simon erwähnt. Könnte mal jemand dieses Geschäftsmodell prüfen? SWFW: mal sehen

7. Boxställe

Überhaupt ist der Sport ein weites Feld. Wenn der Boxring mit Hasseröder-Werbung bepflastert ist, kann eine Sportübertragung daran nicht vorbei. Skeptischer darf man schon sein, wenn die Reporter sich allzu penetrant „aus dem Erdgas-Zelt“ zu Wort melden. Wie aber sieht es überhaupt mit der Boxerei aus? Der ursprüngliche Zweck der Gebühren besteht ja nicht darin, zwei eigenartige deutsche Boxställe – Universum und Sauerland – am Leben zu erhalten. Einen Boxkampf von Felix Sturm zu übertragen, mag ja sportlich gerechtfertigt sein, aber wenn ein tapsiger Timo Hoffmann zum Helden aufgebaut wird, entbehrt dies nicht des Peinlichen. Wer ist da warum zu was verpflichtet? Da könnten doch die Verträge einmal überprüft werden. SWFW: hoch

8. Biathlon

Nicht nur weil die Sponsoren gleich miteingekauft werden, sondern auch zur Rettung redaktioneller Autonomie und Autorität könnte gut auch in andere Verträge geschaut werden. Zumal sie meist zunächst nicht von den öffentlich-rechtlichen Sendern, sondern ihrer gemeinsamen Agentur Sport A geschlossen werden. Wenn beim Biathlon sowohl der technische Aufwand wie die Übertragungszeiten vertraglich detailliert fixiert sind – kann da von redaktioneller Entscheidung noch gesprochen werden? Geben sportliche Gesichtspunkte den Ausschlag? SWFW: mittel

9. Fernreisen im Dritten

Schon das Erste jammert über zu wenig Geld. Das gilt erst recht für die Dritten Programme. Da gibt es aber hier und da noch schöne Magazine auch für Fernreisen („Fernweh“/BR; „Nix wie raus“/ HR). Die sind teuer. Autoren klagen, dass ihre Ideen nur noch angenommen werden, wenn sie selber die Reise-Finanzierung vorab sichergestellt haben. Kooperationen mit Tourismus-Reklame sind an der Tagesordnung. Da leidet natürlich die Objektivität. Die Clearing-Stelle sollte einfach einmal alle Reisekosten der entsprechenden Magazine in Dritten Programmen überprüfen. SWFW: sehr hoch

10. Großverlage

Schon gibt es ein erstes positives Signal. Laut WDR-Intendant Fritz Pleitgen erwachsen aus der Fusion von Springer und ProSiebenSat1, von Print und TV, „weitreichende Folgen für die Gesellschaft“. Er wolle aber nicht auf die Politik vertrauen, sondern die ARD solle sich selber helfen. Nun ist bekannt, dass es TV-Galas („Goldene Kamera“/ZDF; „Goldene Henne“/MDR; „Bambi“/ARD) gibt, die nichts anderes sind als Reklameveranstaltungen der Großverlage Axel Springer und Hubert Burda. Über deren Macht klagen und sie dann bewerben – das passt offenkundig nicht zusammen. Man darf also hoffen, dass damit endlich Schluss ist. Die Clearing-Stelle sollte es empfehlen. Ran an die Arbeit!

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