Medien : Der Schlitzer Botschafter

Erst war er der Jüngste, dann hatte er auch noch Erfolg. Zu Besuch bei Florian Illies, „Golf“-Autor und Erfinder des Kunstmagazins „Monopol“

Ulrike Simon

Wer mit jenem Mann spricht, der Florian Illies wohl am längsten kennt, bekommt den überraschendsten Satz zu hören: „Er könnte mehr aus sich machen“, sagt Hans Schmidt über Illies.

Der 70-Jährige muss es wissen. Schmidt war es, der den Teenager Illies vor 20 Jahren zur Zeitung geholt hat: zum „Schlitzer Boten“. Was haben sie sich damals bei der SPD aufgeregt, weil Illies so detailgenau aufgeschrieben hatte, wie es bei der Versammlung in Schlitz zugegangen war, erinnert sich Schmidt. An diesem Tag erkannte er Illies’ Talent. Seitdem verfolgt er jeden seiner Karriereschritte: wie Illies mit 17 von Eduard Beaucamp, seinem späteren Lehrmeister, zum ersten Mal in der „FAZ“ gedruckt wurde, wie er dort mit 26 Redakteur und unter Herausgeber Frank Schirrmacher zum Hoffnungsträger des Blattes wurde; welchen Erfolg er mit den „Berliner Seiten“ hatte, wie er 2001 die Sonntagszeitung mitbegründete; und natürlich hat Schmidt „Generation Golf“, „Generation Golf zwei“ und „Anleitung zum Unschuldigsein“ gelesen und kennt das Kunstmagazin „Monopol“, das Illies gerade an Ringier verkauft hat. Das alles hat Illies gemacht und ist doch erst 35. Wie kommt Hans Schmidt zu der Behauptung, Illies könnte mehr aus sich machen? „Haben Sie ihn kürzlich im Fernsehen bei Harald Schmidt gesehen?“, fragt er. So zurückhaltend, wie er sich da gezeigt habe …

Vor drei, vier Wochen hat Illies Schmidt zu Hause im oberhessischen Schlitz besucht. An dem Tag entstand das nebenstehende Foto. „Er hat seinen Geburtsschein nicht verloren“, den Kontakt zur Heimat nie abreißen lassen, sagt Schmidt.

Berlin, eine Altbauetage nahe den Hackeschen Höfen. Hier entsteht „Monopol“. Jeder Schritt von Illies’ hellbraunen Lederschuhen lässt den Holzboden hallen. Ob der Satz „Romantik trifft Lebensfreude“ auf ihn zutreffe? Illies überlegt. Ja, sagt er dann. Mit seinem protestantischen Hintergrund, der ihn geprägt habe, empfinde er sich als Romantiker, zugleich bewundere er die Lebensfreude der Katholiken. Ganz überrascht reagiert er, als er erfährt, dass Schlitz mit diesem Slogan im Internet für sich wirbt. Er lächelt, er fühlt sich bestätigt.

„Monopol – Magazin für Kunst und Leben“, gründete Illies vor zwei Jahren mit seiner Frau, der Bänkerstochter Amelie von Heydebreck. Wie er ist sie Jahrgang 1971, wie er war auch sie zuvor bei der „FAZ“, für beide ist es die zweite Ehe. Illies sagt: „Wir sahen damals beide diese neue, diese unglaubliche Energie in der Kunst, in dieser neuen Generation von Künstlern, Sammlern und Galeristen. Aber wir fanden diese Energie in keinem Magazin wieder.“ So entstand „Monopol“, ein Magazin, das „ernst genommen wird, über das man redet, und das man sogar liest“, sagt der Berliner Galerist Gerd Harry Lybke. Auch Axel Hecht, langjähriger Chefredakteur von „Art“, ist froh, „endlich einen Konkurrenten zu haben“. Allerdings hatte er erwartet, „Monopol“ würde „unangepasster und schräger“ sein. Das liege wohl daran, glaubt Hecht, dass anfangs so viel Lärm um das Blatt gemacht worden sei. „Er tritt ja recht vollmundig auf“, sagt Hecht über Illies. Illies war mal Praktikant bei „Art“.

Wie in allen Räumen hängt auch an den weiß getünchten Wänden von Illies’ Büro Kunst: moderne und Fundstücke vom Flohmarkt. Auf dem Tisch stehen frische Blumen. Seit Anfang des Jahres gehört „Monopol“ dem Schweizer Verleger und Kunstliebhaber Michael Ringier. Er sei einer der ersten Abonnenten gewesen, erinnert sich Illies. Später habe sich Ringier mit ihm in Berlin zum Essen verabredet. „Wir sprachen über Kunst, über Galerien, ganz ohne Hintergedanken“, sagt Illies. Der Verkauf sei notwendig geworden. Ende des Jahres soll „Monopol“ nicht mehr nur alle zwei Monate, sondern monatlich erscheinen. „Das hat hier eine Dimension erreicht, die uns gezwungen hätte, uns fast nur noch Geschäftlichem zu widmen. Um Blattmacher zu bleiben, mussten wir verkaufen.“

Selbstreflexiv und selbstkritisch wie Illies sei, sehe er den Verkauf von „Monopol“, das Aus für die „Berliner Seiten“ insgeheim auch als sein Scheitern an, meint Matthias Landwehr. Landwehr ist Illies’ Literaturagent. Er kennt ihn seit der Zeit, als Illies für die „FAZ“ TV-Kritiken schrieb. Mangels eigenem Fernseher musste Illies damals zu einer Freundin ins Studentenwohnheim fahren, amüsiert sich Landwehr noch heute. Wie der 70-jährige Hans Schmidt nahm auch Landwehr Illies Unsicherheit wahr, als er bei Harald Schmidt auftrat: „Tausend Tode“ sei er gestorben. Illies sei ein Mann des gedruckten Wortes, der im Fernsehen nicht gut rüberkomme.

Es fällt auf, dass Illies nach männlichen Vorbildern sucht. Als jüngster Sohn mit drei deutlich älteren Geschwistern hat er früh und plötzlich seinen Vater verloren. Eines dieser Vorbilder ist der 1943 geborene Henning Ritter, der immer als Einziger in der „FAZ“-Redaktion war, wenn Illies – in seiner lauten Wohnung am Frankfurter Südbahnhof früh wach geworden – schon um acht Uhr zur Arbeit kam. Jeden Morgen hielt ihm Ritter, laut Illies „einer der gebildetsten Menschen, die ich kennen gelernt habe“, Privatvorlesungen. Von ihm habe er viel gelernt. Wie er das sagt, wird seine Stimme ruhiger, tiefer.

Illies sei ein „Menschenfreund, ein wahrer Philanthrop, der andere durch seine Zuneigung entwaffnet“, sagt Landwehr. Schirrmacher, mit dem Illies die melancholische Liebe zu Gottfried Benn teilt, sagt, Illies zeichne diese Mischung aus bürgerlicher Zurückhaltung und Draufgängertum aus. Woher aber kommt dieses Bild, er sei ein Schnösel, Streber, früh vergreist? Als Autor von „Generation Golf“ sei er „Propagandist einer Generation“ geworden, „zu der ich zwar gehöre, die ich aber nur beschreiben wollte“, sagt Illies.

Nach knapp anderthalb Stunden nähert sich das Gespräch mit Illies dem Ende. Die Frage steht im Raum, was ihn antreibt. Es gebe da dieses Eine, das ihn immer wieder beschäftige, antwortet er: „Wie lässt sich eine Zeit, wie lässt sich eine Gesellschaft verdichten in einer einzigen Beobachtung, einem Geschmack?“ Schon während seines Bonner Studiums der Kunstgeschichte habe ihn umgetrieben, wie Geschmacksbildung entsteht, warum zu einer bestimmten Zeit etwas als „schön“ empfunden wird. Bei den „Berliner Seiten“ druckte er Tischordnungen von gesellschaftlichen Abenden ab, was als oberflächliche Milieustudie abgetan werden kann. Er wollte damit fragen: Was ist das für eine Gesellschaft, in der ein Model neben dem Bundespräsidenten sitzt? Im Kleinen das Große sehen. Das hat ihn als Elfjährigen beschäftigt, als er Bonsai-Bäume züchtete. Heute fragt er sich: „Warum wohl entzündet sich der Streit zwischen den Religionen nicht an irgendwelchen Leitartikeln, sondern an Karikaturen?“ In einer global vernetzten Gesellschaft dringe das Visuelle vor, das Bild gewinne die Oberhand über das Wort. Insofern passe die Beschäftigung mit Kunst, passe „Monopol“ in diese Zeit.

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