Medien : Der Schrecken nach Shrek

Karfreitag bei Pro 7: erst eine Comicfigur, dann Gibsons Gewaltepos „Passion Christi“. Und im Vorprogramm wird Geschichte umgeschrieben

Yoko Rückerl,Kurt Sagatz

Eigentlich ist alles wie immer im Oster-Fernsehprogramm. „Ben Hur“, „Die zehn Gebote“, „Das Gewand“: Charlton Heston auf allen Kanälen. Doch dieses Jahr feiert der „umstrittenste Film aller Zeiten“ („Entertainment Weekly“) seine TV-Premiere: „Die Passion Christi“, produziert von Schauspieler und Regisseur Mel Gibson. Pro 7 strahlt das Gewaltspektakel am Freitag um 22 Uhr 15 aus, ungekürzt, 113 Minuten lang. Bereits am Nachmittag zeigt Pro 7 die umstrittene Dokumentation „Das Jesus-Grab“ von Titanic-Regisseur James Cameron.

Mel Gibson, der in den USA einer strenggläubigen Gruppe von Katholiken angehört, bezeichnet den Film als besonders bibeltreu. Er zeigt dabei ausschließlich den Leidensweg Christi bis hin zu seiner Kreuzigung. Gleich zu Beginn wird Jesus von seinen Häschern verhaftet und leidet von nun an ununterbrochen. Mit „Die Passion Christi“ übertrifft Gibson sein Schottland-Epos „Braveheart“ an Brutalität und Folterexzessen bei weitem. Peitsch- und Kreuzigungsszenen werden regelrecht zelebriert. Im Kino verließen 2004 vielerorts Besucher den Saal. Nun leidet Jesus nah im Wohnzimmer – direkt nach der Animationskomödie „Shrek 2“.

Was sagen die Aufseher zur „Passion Christi“ ? Folker Hönge, Ständiger Vertreter der obersten Landesjugendbehörden der FSK: „Der Ausschuss hat sehr lange darüber diskutiert, ab wann wir den Film freigeben. Letztendlich kamen wir zu dem Schluss, dass Jugendliche ab 16 Jahren in der Lage sind, den Film auszuhalten.“ Auch der Name sage bereits, worum es geht. „Bei einem Film, der die ,Passion Christi‘ heißt, ist der Name nun mal auch Programm“, sagt Peter Esch von Pro 7. Nicht nur wegen der Gewaltszenen kam „Die Passion Christi“ in die Kritik. Dem Katholiken Gibson wurde vorgeworfen, er mache das gesamte jüdische Volk für den Tod Jesu verantwortlich.

Von den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, dem Deutschen Koordinierungsrat (DKR), kam prompt Protest gegen die Ausstrahlung des Fernsehspektakels. In einem Schreiben an den Pro Sieben Sat 1-Chef Guillaume de Posch kritisiert der Rat, der Film würde antisemitische Vorurteile neu beleben. Außerdem zeuge der Ausstrahlungstermin am Karfreitag von „besonderer historischer und politischer Insensibilität“. Pro-7-Mitarbeiter Peter Esch darauf: „Die FSK hat den Film bereits 2004 ab 16 Jahren für das Kino freigegeben. So ein Film darf nach 22 Uhr im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt werden.“ Das meint auch die zuständige Landesmedienanstalt in München. Wolf-Dieter Ring, der Vorsitzende der Kommission für Jugendmedienschutz, weist darauf hin, dass eine Vorzensur zudem nicht stattfinde.

Passend zum umstrittensten Film zeigt Pro 7 – quasi im Vorprogramm – eine der wohl umstrittensten Dokumentationen zum Christentum: „Das Jesus-Grab“ von Oscar-Preisträger James Cameron. Was viele Menschen nicht wissen: Cameron steht nicht nur für Hollywood-Erfolge von „Terminator“ bis „Titanic“, sondern auch für historische Dokumentationen wie „Die Bismarck“ über den Untergang des Super-Schlachtschiffes im Zweiten Weltkrieg. Dieses Mal sollen hingegen wesentliche christliche Grundüberzeugungen untergehen. Denn wenn es sich bei der im Jahre 1980 entdeckten Grabkammer im Jerusalemer Vorort Talpiot um die Familiengruft von Maria und Josef handelt und wenn im steinernen Knochenkasten von Jeschua Bar Josef, Sohn von Josef, die sterblichen Überreste des christlichen Religionsstifters gelegen haben, wird unweigerlich die Auferstehung Christi in Zweifel gezogen. Zumindest legen dies die filmischen Untersuchungen nahe, die James Cameron zusammen mit dem kanadisch-israelischen Doku-Filmer Simcha Jacobovici unternommen hat. Und die Funde in der Grabkammer werfen weitere Fragen auf: Handelte es sich beim Ossuarium von „Mariamne e Mara“ (Maria, die Meisterin) um die steinerne Knochenkiste von Maria Magdalena? Und deutet dies nicht darauf hin, dass Jesus mit ihr verheiratet war? Heißt das wiederum nicht auch, dass ihre Bedeutung für die Christianisierung erheblich größer war als bislang von der Kirche zugebilligt? Zum Schluss wirft die Dokumentation mit dem Fund eines Kinderskeletts (Jehuda, Sohn Jeschua) noch weitreichendere Fragen auf.

Von der Wissenschaft wurden die Untersuchungen, die Cameron auf einer Pressekonferenz im Februar in New York präsentiert hatte, vehement zurückgewiesen. Von „unseriös“ bis zu Geldmacherei und Schlagzeilen-Heischerei lauteten die Vorwürfe. Der Haupteinwand: Jesus, Maria, Josef waren zu dieser Zeit und in dieser Region zumindest geläufige Namen, wenn nicht echte Allerweltsnamen.

Dieser Einwand ist nicht unberechtigt, das gesteht auch Cameron ein – allerdings nur für jeden einzelnen Namen. In der Kombination der gefundenen Namen verändert sich die Situation dramatisch. In dieser Konstellation liege die Wahrscheinlichkeit bei 1:600, dass es sich beim Talpiot-Fund nicht um das Jesus-Grab handelt, errechnete der Statistiker Andrey Feuerverger von der Uni Toronto.

So gewagt die Schlüsse sind, so handwerklich geschickt wird der Stoff umgesetzt, ohne das Spannungsmoment zu vergessen. Egal, ob Cameron nun recht hat oder irrt: In Israel ist tatsächlich jeder Stein historisch. So werden die Knochenkästen von Maria, Josef und Jesus in einer riesigen Lagerhalle verwahrt – zusammen mit tausenden anderen.

Einen Vorwurf kann man Pro 7 sicherlich nicht machen: dass das Oster-Programm beschaulich wäre.

„Das Jesus-Grab“. Karfreitag, 17 Uhr 25; „Die Passion Christi“, 22 Uhr 20, beide Pro 7

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