Medien : Der Sinn der Serie

Daily Soaps – das ist Schund oder etwa doch nicht? Die fünf größten Irrtümer zum Thema Seifenoper

Markus Ehrenberg

Vor ein paar Wochen hat die ARD-Serie „Verbotene Liebe“ die „Goldene Rose“ bekommen, den Fernsehpreis als weltweit beste Soap 2005. Das ist etwas Besonderes, deutsches Fernsehen gewinnt selten internationale Preise. Daily Soaps – da denkt man auch weniger an Goldene Rose als an Dauerberieselung, billige Kulissen, Schwund, Ersatzwelt, gerade bei „Verbotene Liebe“, der edelsten der deutschen Dauerserien. Dauervorwurf der Medienkritiker: Es sind immer die gleichen, stereoypen Erzählmuster, die gleichen Klischees, die variiert werden. Aber sind Soaps wirklich so dumm? Steckt da nicht doch mehr dahinter? Wer sind die drei Millionen Zuschauer, die täglich mindestens eine der vier deutschen Seifenopern sehen („Unter uns“, „Verbotene Liebe“, „Marienhof“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“)? Machen Seifenopern klüger? Die fünf größten Irrtümer zu Daily Soaps.

1. Das gucken nur Frauen. Soaps gucken immer mehr Männer, oft angeblich auch deswegen, weil sie wissen wollen, wie Frauen ticken. „Außerdem lernen sie hier, was das heißt: das modernisierte Mann-Sein“, sagt die Medienwissenschaftlerin Maya Götz. Immerhin 42 Prozent der Zuschauer bei „Verbotene Liebe“ sind Männer, deutlich mehr als bei anderen Soaps. „Männerbilder in Soaps sind oft viel ausdifferenzierter, die reden über ihre Gefühle, anders noch als im wirklichen Leben. Die Zuschauer ahnen aber: Ein Macho kommt nicht durch.“ Das gilt in „Verbotene Liebe“ für Bauarbeiter und WG-Bewohner Andi genauso wie für den smarten Arztsohn Leonard Lahnstein, dessen verbotene Liebe in der Jubiläumsfolge am Dienstag im Mittelpunkt steht.

2. Gesellschaftlich relevante Themen bleiben außen vor. Es geht nur um Sex und Beziehungen. Die ewig gleichen Geschichten um Schuld und Liebe? Im „Marienhof“ werden schon seit längerem realitätsbezogene, sozialkritische Themen wie Integration von Behinderten, Sterbehilfe und Ausländerfeindlichkeit oder Homosexualität behandelt. Selbst die Edel-Soap „Verbotene Liebe“ schickt ihre Figuren raus dem Schloss, rein ins Gefängnis und auf die Straße. Ein Lern- und Informationsprogramm? „Daily Soaps sind für Teenager oft ein Fenster zur Welt, in diese Welt kann man gucken, wie man Probleme lösen kann“, sagt Maya Götz. Im vielfältigen Spiegeln eines Problems durch verschiedene Figuren kann sich der Zuschauer seine eigene Meinung bilden. „Lernen in Kommunikation“ würden Soziologen dazu sagen, wenn die Erwachsene Susanne in „Verbotene Liebe“ von ihrem Ziehsohn Paul lernen muss, was es heißt, zu ihren bisexuellen Gefühlen zu stehen.

3. Daily Soaps sind Billig-Ware. Oft wird neben den melodramatischen Inhalte die produktionsästhetische Qualität kritisiert. Kein Wunder: Die Kulissen sind immer gleich (für „Verbotene Liebe“ auf einem Gelände in Köln-Hürth), Autoren stehen unter Zeitdruck, pro Tag wird eine 23-minütige Folge produziert. Die Produktionsfirma Grundy UFA, die mit „Verbotene Liebe“ fünf Soaps und Telenovelas produziert, gründet zum Herbst die erste Serienschule Deutschlands. Verglichen mit arrivierten Wochen-Serien wie „Lindenstraße“ schneidet „Verbotene Liebe“ erstaunlich gut ab. Erst im Frühjahr ging es zum Zehn-Jahres-Jubiläum raus aus den Kulissen-Studios in Köln-Hürth zum Außendreh ans Mittelmeer. Die „Goldene Rose“ gab es jetzt für das schönste Licht, die besten Kameras, die besten Darsteller – in weitaus stilisierteren Rollen als es bei Soaps üblich ist, so Maya Götz. „Gerade die ausgesprochene Märchenhaftigkeit von Stoff und Figuren hält die ,Verbotene Liebe’-Zuschauer in einer angenehm-intellektuellen Distanz.“ Schleichwerbungsfrei übrigens, im Gegensatz zu „Marienhof“.

4. Man guckt das nur, wenn man traurig oder einsam ist. Ein Vorwurf aus der Eskapismus-Debatte: Soap-Gucker fliehen der Realität, meiden die Welt, sind von ihren Erwartungen enttäuscht worden. Dann lieber die überschaubare Welt der Seifenoper: Wohnräume, Laden, Friseur. Bekannte Gesichter, vertraute Orte. Man kann das auch so sehen: Soaps sind emotionaler Resonanzboden. „Die Soap-Rezeption ist meistens in die Gemeinsamkeit der Familie eingebaut“, sagt Maya Götz. Für die Fans werde die tägliche Rezeption zum Raum, in dem sie sich Gefühle zugestehen, die sie sonst zu verbergen suchen. „Soap-Schauen ist nichts Passives, sondern ausgesprochen aktiv. Es ist eher vergleichbar mit der Theaterrezeption, weniger mit dem Konsum eines Hollywoodfilms, wo sich der Zuschauer verliert, überwältigt wird.“

5. Soaps machen süchtig. Im Märchenzyklus „Tausendundeine Nacht“, ein Soap- Vorläufer, erfindet Scheherezade aus Angst vor dem Tod den „Cliffhanger“. Sie bricht die Geschichten, die sie dem Sultan erzählt, in dem Moment ab, wo sie am spannendsten sind, damit er sie einen weiteren Tag am Leben lässt. Oder noch weitere 2500 Tage, weitere 2500 Folgen. „Das macht nicht süchtig. Das macht glücklich“, sagt Maya Götz. „Eine psychologische Studie hat bewiesen, dass Daily-Soap-Zuschauer glücklicher sind als der Durchschnitt der Bevölkerung.“

Am Dienstag läuft die 2500. Folge von „Verbotene Liebe – Schuld und Liebe“ (ARD, 17 Uhr 50). Der Text stützt sich auf das Buch „Alles Seifenblasen? Die Bedeutung von Daily Soaps von Kindern und Jugendlichen“, hrsg. von Maya Götz, KoPäd Verlag München.

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