Medien : „Der Spaß hat aufgehört“

„Wege in den Terror“ – ein RBB-Film über Ulrike Meinhof, die vor 30 Jahren starb

Caroline Fetscher

Ihr Lieblingssong, der, zu dem sie so gern tanzte, war „A whiter shade of pale“, sagen die Freunde von Ulrike Marie Meinhof. Deshalb erkoren die beiden Dokumentar-Regisseure Johannes Unger und Sascha Adamek den Song zur Titelmelodie ihrer heute auf RBB ausgestrahlten Filmerzählung „Wege in den Terror“. Berichtet wird von einem Leben, dessen Farbtöne, statt stets weißer zu werden, unaufhörlich tiefer ins Dunkle drifteten, bis der Tod den Rhythmus vorgab – der Tod Anderer, Unschuldiger, schließlich Meinhofs eigener, ihr Suizid in der Untersuchungshaft. In der Nacht zum 9. Mai vor dreißig Jahren erhängte sich eine Frau in ihrer Zelle, die als sozialromantische Journalistin mit melancholischen Gesichtszügen und zornigen Texten ihre Karriere begonnen hatte.

Ihre Grabrede hielt der Verleger Klaus Wagenbach, ein einstiger Weggefährte. Er vermutet, Ulrike Meinhof sei an den deutschen Verhältnissen „zugrunde gegangen.“ Im Film erinnert er sich, wie Ulrike ihm vorwarf, dass er mit seinen Kindern in die Ferien fuhr: „Der Vietcong macht auch keinen Urlaub!“ Wagenbach weiß nicht recht, ob er dazu in der Erinnerung lächeln soll, weinen oder den Kopf schütteln.

„Wege in den Terror“ unternimmt den Versuch, eine mythisch gebliebene, deutsche Nachkriegsfabel zu erhellen, ein Leben zu rekonstruieren, das so individuell wahnhaft wie gesellschaftlich signifikant scheint. Als klassische, chronologische Spurensuche lässt sich das Narrativ ein auf Dokumente und Zeitzeugen, darunter Prominente wie Stefan Aust, Freimut Duve und Peggy Parnass. Als Schülerin war Ulrike Meinhof „gut in Sozialkunde, Religion und Geschichte“, erklärt eine Lehrerin des Gymnasiums in Hessen, wo die im Oktober 1934 geborene Ulrike Abitur machte. Mit vierzehn Vollwaise geworden, lebte das Mädchen aus bürgerlich-christlichem Milieu bei einer akademischen Pflegemutter. Ulrike las Herrmann Hesse, schrieb für die Schülerzeitung, war „sehr wohlerzogen und hat gerne zugehört“, wie sich eine alte Nachbarin erinnert. Zum Studium zog die Pazifistin nach Marburg, dann Münster. Der Boden schien bereitet für eine Zukunft als Lehrerin oder Lektorin. Stattdessen kam eine Tragödie. Als Journalistin der Zeitschrift „konkret“, verheiratet mit deren Herausgeber Klaus Rainer Röhl, Mutter von Zwillingen, wohnend in einer Villa im edlen Blankenese, gedeiht in ihr nicht ruhige Reflexion, sondern wilder Zorn. Sie hasst die Republik voll alter Nazis, das „imperialistische System“, den Vietnamkrieg. In der Ausgabe 14 der „konkret“ von 1968 unterstützt sie die Kaufhausbrandstifter Andreas Baader und Gudrun Ensslin. „Das progressive Moment einer Warenhausbrandstiftung“, heißt es da in eklatanter Verkennung der Regression, sei „der Gesetzesbruch“. Lange vor der Parole vom „Ende der Spaßgesellschaft“ schreibt Meinhof nach dem Attentat auf Rudi Dutschke: „Der Spaß hat aufgehört.“ Nun wird es ernst, und die DDR, klandestiner Financier der „konkret“, entsendet den polizeilich gesuchten Kerntrupp der „Roten Armee Fraktion“ in den Libanon zur „Ausbildung an der Waffe“. Meinhof hegt sogar den Plan, ihre Zwillinge in einem palästinensischen Waisenlager aufziehen zu lassen.

Das politische wie private Delirium war komplett: USA und die Bundesrepublik waren „faschistisch“, der westliche Kapitalismus ein Dschungel wie im Guerillakrieg à la Che Guevara. Jeder Polizist wurde zum „Typ in Uniform“, und der, so Meinhof „ist ein Schwein, er ist kein Mensch“. Aufgetaucht war eine unheimliche Wiederkehr der faschistischen Rhetorik. Das „System“ seinerseits reagierte paranoid, erfand „Stammheim“, die Isolationshaft im „Toten Trakt“, Rasterfahndung und Massenpanik.

Wie die letale Borderline-Dynamik in Gang geriet, was „die RAF“ als Symptom für die Kinder der Republik bedeutete, darauf weiß auch dieser Film keine Antwort. Meinhofs Tochter, die Publizistin Bettina Röhl, scheint in einem seelischen Abwehrkampf gegen das Erbe der Mutter gefangen. Wie auch soll ein Kind je verarbeiten, dass es die als Kriminelle berühmt gewordene Mama zuletzt auf Besuch in der Haft sah, wo diese die Töchter, deren Kindheit „die Revolution“ gefressen hatte, wieder „sofort agitieren“ wollte. In ihrer hier anrührendsten Aussage erinnert sich Bettina Röhl: „Das ist auch anstrengend, wenn die Kinder sozusagen die Mutter beruhigen müssen.“ Denn die war nie erwachsen geworden, sondern hatte ihren adoleszenten Zorn ausagiert – an einer ganzen Gesellschaft.

„Ulrike Meinhof – Wege in den Terror“: RBB Fernsehen, 22 Uhr 15.

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