''Der Spiegel'' : Der Außenminister

Mathias Müller von Blumencron gilt als der diplomatische Mann in der neuen "Spiegel"-Doppelspitze. Er soll Online und Print stärker verknüpfen. Ein Porträt.

Christian Meier
Matthias Müller von Blumencron
Matthias Müller von Blumencron. -Foto: pa/dpa

Mathias Müller von Blumencron nahm in den letzten Wochen reichlich Glückwünsche entgegen: Das Fachblatt „Horizont“ kürte ihn zum Medien-Mann des Jahres, das „MediumMagazin“ erklärte „Spiegel Online“, das Müller von Blumencron seit Ende 2000 leitet, zur „Redaktion des Jahres“ – nur zu einem wollte er sich bis zum vergangenen Dienstag partout nicht gratulieren lassen. Zwar stand seit Wochen inoffiziell fest, dass der 47-jährige Hamburger gemeinsam mit seinem Kollegen Georg Mascolo, 43, die Nachfolge von Stefan Aust beim „Spiegel“ antreten würde. Doch Müller von Blumencron blieb diskret. Erst am Dienstagnachmittag kam die Erlösung, als die neue Doppelspitze per Pressemitteilung verkündet wurde.

Während Blumencron vor allem die strategische Zukunft der Marke „Spiegel“ verkörpert, steht Mascolo, zuvor Leiter des Hauptstadtbüros, für die alten Recherche-Tugenden des Blatts. Wie Stefan Aust kam Mascolo über Spiegel-TV zum Magazin und war als USA-Berichterstatter einer der ersten Korrespondenten, der nicht nur für das gedruckte Heft, sondern auch für den Online-Ableger schrieb. Während der als sehr umgänglich bekannte Mascolo vermutlich eher in die Redaktion hinein wirken soll, wird Müller von Blumencron sicher einen Großteil der Aufgaben als „Außenminister“ des Nachrichtenmagazins übernehmen.

Das hat seine Gründe. Der neue Chef ist für Außenstehende so etwas wie der ideale Schwiegersohn: immer höflich, nett, bescheiden. Mit seinen blonden Haaren und den blauen Augen wirkt der hochgewachsene Mann, der zehn Jahre jünger ausschaut als er tatsächlich ist, „wie ein kalifornischer Sunnyboy“, findet sein ehemaliger Chef Dieter Degler, der ihn damals für den Job bei „Spiegel Online“ ausgesucht hatte. Dass über einen „Spiegel“-Chef einmal Sätze geschrieben würden, die sonst doch eher in Schauspieler-Porträts zu lesen sind, ist an sich schon mehr als erstaunlich.

Zunächst schien es ausgemachte Sache zu sein, dass der neue Chefredakteur von außen kommen sollte, nachdem auf einigermaßen unprofessionelle Weise Mitte November durchgesickert war, dass die Mitarbeiter KG, Mehrheitseigner des „Spiegel“, Stefan Austs Vertrag nach 13 Jahren nicht verlängern würde. Viele Mitglieder der 300-köpfigen Redaktion wünschten sich einen profilierten Kopf, der das Nachrichtenmagazin durchlüftet. Darum stand plötzlich auch ZDF-Moderator Claus Kleber zur Debatte, der wie Stefan Aust, der 1994 von Spiegel-TV kam, ein Mann des Fernsehens ist.

Doch Kleber, dessen Name früh nach außen drang, gab dem „Spiegel“ einen Korb. Eine externe Lösung kam kaum noch in Frage. Müller von Blumencron rückte ganz nach oben auf die Liste. Er ist zwar ein „waschechter Spiegel-Mann“ (Degler), der als Redakteur im „Blut und Blaulicht“-Ressort Deutschland II arbeitete und dann als Wirtschaftskorrespondent nach Washington und New York ging. Aber er war auch Online-Chef und vertrat damit das Medium, das in den vergangenen Jahren mutmaßlich mehr zum Erfolg der Marke „Spiegel“ beigetragen hat als das gedruckte Magazin selbst. 4,5 Millionen Internet-Nutzer erreicht „Spiegel Online“ mittlerweile, jeden Monat wird rund 400 Millionen Mal die Seite angeklickt – damit distanziert „SpOn“ jedes andere Angebot eines Printtitels im Netz. Müller von Blumencron scheint aus Sicht seiner Befürworter die ideale Symbiose aus „Spiegel“-Insider und Mann vom anderen (Online-)Stern zu sein. Völlig unbelastet ist das Verhältnis zwischen Print und Online-Redaktion beim „Spiegel“ freilich nicht. Zwar gehört es zu Müller von Blumencrons Verdiensten, dass er zahlreiche „Spiegel“-Redakteure zur Mitarbeit gewinnen konnte, darunter den Klick-Garanten Henryk M. Broder. Trotzdem gibt es Vorbehalte bei Mitarbeitern, die fürchten, das Heft werde Woche für Woche „geplündert“ und kostenlos ins Netz gestellt. Den umgekehrten Vorwurf, der bei „SpOn“ offen praktizierte Boulevardjournalismus könnte Einzug im „Spiegel“ halten, ist seltener zu hören. Man hat sich offenbar schon an Titelgeschichten gewöhnt, die Titel wie „Die Erotik der Macht“ tragen.

Die Hoffnung und zugleich Forderung, die mit der Besetzung verbunden ist: Die Zusammenarbeit zwischen dem gedruckten Magazin und „SpOn“ soll verstärkt werden. Der strategische Gedanke: Das von Auflagen- und Werbeumsatz-Rückgängen gebeutelte Printmedium soll durchs Internet aufgefangen werden. Im Unterschied zu vielen anderen Web-Ablegern von Zeitungen und Zeitschriften ist „SpOn“ seit kurzem profitabel, und das bei mehr als 80 im Impressum verzeichneten Redakteuren. Die Entscheidung für Blumencron ist der Beweis, dass das Internet ein ernst zu nehmendes journalistisches Medium ist, das dem Printmedium neue Impulse geben kann und muss. Kein anderes deutsches Leitmedium hat sich getraut diesen Weg zu gehen. Die Verunsicherung über die publizistische Rolle des Internets ist in der Verlagsbranche weiterhin groß.

Bleibt die Frage: Darf ein „Spiegel“-Chef vor allem als wohlerzogen und mehrheitsfähig gelten? Braucht das Blatt nicht einen harten Hund an der Spitze, der Politiker und Manager zum Frühstück verspeist? Fragt man nach, kommen auch andere Seiten des Mathias Müller von Blumencron zum Vorschein. Mitarbeiter sagen über ihn: „durchsetzungsstark“, „kritisiert offen“, „ruft auch am Samstag abend an, wenn ihm etwas auf der Seite nicht gefällt“, „verlangt viel“, „macht klare Ansagen“. Alles Dinge, die man von einem Chefredakteur verlangen kann, einerseits. Andererseits irgendwie auch beruhigend, dass der „Spiegel“ keinen Frühstücksdirektor zum Chef bestellt, dessen Vorteil es ist, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bilden. „Der Spiegel unter Blumencron wird für publizistische Unabhängigkeit, gründliche Recherche und grundsolide Textarbeit stehen, insgesamt mehr für die Ära mit Erich Böhme und Hans Werner Kilz als für die Ära Aust“, sagt Dieter Degler.

Trotz aller Harmonie ist eine Doppelspitze aber immer auch ein Kompromiss. Es bleibt der leise Verdacht, dass die Gesellschafter es weder Blumencron noch Mascolo zutrauen, den Titel alleine zu führen. Man sehe selten ein Pferd mit zwei Reitern, sagt ein Insider. Doch die beiden Neuen hatten Zeit, sich auf den Karrieresprung vorzubereiten. Am Mittwoch gaben sie der Redaktion eine grobe Strategie für die Zukunft vor – mehr exklusive Geschichten, mehr Meinung – und verteilten schon mal leer stehende Büros unter sich, per Losentscheid. Teamarbeit statt Ego und Ellenbogen, das wäre beim „Spiegel“ mal was Neues.

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