Medien : Der „Spiegel“ zieht um

Augstein kritisiert kurzfristige Denke der Eigentümer

Ulrike Simon

Baufällig ist das zwölfstöckige Hochhaus an der Hamburger Brandstwiete geworden, in dem der Spiegel-Verlag seit 1969 sitzt. Schon in den 90ern gab es Umzugspläne, schon damals wurde ein Auge auf die Hafenspitze gegenüber den Kunsträumen der Deichtorhallen geworfen. Die Pläne wurden auf Eis gelegt, der Mietvertrag mit der Immobilienfirma Vogel verlängert. 2010 wird er auslaufen. Dann geht’s, so die Verhandlungen über die freie Fläche an der Ericusspitze erfolgreich sind, in die Hafencity. Am Montag, bei einer außerordentlichen Versammlung, einigten sich die „Spiegel“-Gesellschafter darauf, nicht Eigentümer, sondern Mieter zu werden.

Die Entscheidung fiel nicht einstimmig. Jakob Augstein, Sprecher der mit 24 Prozent beteiligten Erbengemeinschaft, votierte dagegen. „Das ist richtig“, bestätigte er dem Tagesspiegel. Das Grundstück zu kaufen und selbst zu bauen, wäre den Verlag letztlich günstiger gekommen, meint er. Ein eigenes Haus wäre „eine stille Reserve, eine Liquiditätsquelle für den Notfall“ und daher „wünschenswert für eine sichere Zukunft“. Augstein sagt, er wäre „dafür gewesen, für das Bauprojekt einen guten Teil der vorhandenen liquiden Mittel einzusetzen und sie damit im Interesse des Verlags dem Zugriff der Gesellschafter zu entziehen“. Dem Vernehmen nach würde das Grundstück 25 Millionen Euro kosten – etwa ein Viertel der liquiden Mittel. Den Bau hätte man fremdfinanzieren können.

Das hätte die Flexibilität eingeschränkt, heißt es bei Gruner + Jahr, wo man sich „grundsätzlich nicht zu den Geschäftsaktivitäten des Spiegel-Verlags äußert“, wie Sprecher Kurt Otto sagt. Keine Auskunft war zu den Plänen zu erhalten, die Ausschüttungspolitik des Spiegel-Verlags zu ändern. Diese Überlegung ließ G + J angeblich im Frühjahr durchblicken. Demnach soll im Herbst entschieden werden, künftig weniger als 20 Prozent der jährlichen Gewinne im Verlag zu belassen und stattdessen deutlich mehr an die Gesellschafter auszuzahlen. G + J wird das Geld angesichts der Milliardenverschuldung von Bertelsmann brauchen, die Mitarbeiter werden es nicht ablehnen. Wo sich Gesellschafter wie Investoren verhalten, fehlt jedoch Geld für neue Objekte und Akquisitionen, mit denen der Verlag seine Abhängigkeit vom „Spiegel“ verringern könnte. Lehnt Jakob Augstein eine Änderung der Ausschüttungspolitik ab? „Ich bin für Investitionen in die Zukunft des Unternehmens“, sagte er gestern.

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