Medien : Der Spion vom Teufelsberg

Der Stasi galt er als „Wunderquelle“: ARD-Dokumentation über Hüseyin Yildirim, der bis 2003 in US-Haft saß

Andreas Austilat

Es gibt Verbrechen, in denen wittern wir allzu gern einen romantischen Kern. Und ganz besonders anfällig dafür ist das Feld der Spionage, kann doch der Täter im Allgemeinen darauf bauen, wenigstens für eine Seite den Helden zu geben. Dies ist eine Spionagegeschichte und den Mann, um den es dabei geht, nannten die einen den Meister, die anderen gaben ihm den Decknamen Blitz. Keine Frage, das klingt nach Abenteuer, doch wer Hüseyin Yildirim sieht, nach Deutschland emigrierter Türke, Top-Agent des MfS, des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, der hat keinen James Bond vor sich, der fühlt sich eher an einen älteren Danny De Vito erinnert – und zwar in einer seiner komischen Rollen.

Fast zwei Jahre haben Harriet Kloss und Markus Thöß im Auftrag von Radio Bremen den Fall Yildirim recherchiert. Und auch wenn der Beitrag heute im Rahmen der ARD-Reportage-Reihe „Unter deutschen Dächern“ läuft, er führte sie weit über Deutschland hinaus: Von Berlin, wo der Fall Anfang der 80er Jahre seinen Ausgang nahm und sich heute MfS-Angehörige, allen voran Markus Wolf, vor der Kamera über die einstige „Wunderquelle“ äußern, über Istanbul bis in die USA, wo die beiden Autoren nicht nur Yildirim in seiner Haftanstalt besuchten, sie erhielten auch Zugang zu Überwachungsvideos und Telefonmitschnitten des FBI.

Yildirim war der Spion vom Berliner Teufelsberg, jener riesigen Abhöreinrichtung, mit der die National Security Agency, der geheimste der amerikanischen Geheimdienste, im Kalten Krieg tief in das Territorium des Ostblocks hineinlauschte. Tatsächlich hatte Yildirim den Teufelsberg nie betreten, das musste er auch nicht. Er arbeitete als Mechaniker in einer Autowerkstatt auf dem Gelände der amerikanischen Andrews-Kaserne in Berlin-Lichterfelde. Dort lernte er den Unteroffizier James Hall kennen. Hall beschaffte fortan das Material, Yildirim verkaufte es in Ost-Berlin. Kurz vor Weihnachten 1988 wurden die beiden enttarnt. Das heißt, übertölpelt trifft den Sachverhalt genauer.

Man fasst es nicht, mit welcher Penetranz der vermeintliche KGB-Mann unter den Augen der Überwachungskamera Hall erst 60 000 Dollar vorzählt, dann auf einer Quittung besteht ( „Wir arbeiten beide im öffentlichen Dienst, Sie wissen doch wie das ist“). Und wenn ergänzend nachgestellte Sequenzen in ihrer laienhaften Optik an das gute, alte „XY ungelöst“ erinnern, dann tut das der Sache keinen Abbruch. Es ist wohl so, die Realität in dieser Branche kann sehr schlicht sein. Oder, wie ein anderer Kronzeuge im Film sagt: Hatte man erst einmal eine Zugangsberechtigung, dann war Diebstahl auf dem Teufelsberg einfacher als in einem Buchladen. Weil, man staunt, da oben galt die Devise, Vertrauen ist besser als Kontrolle.

Hall landete vor einem US-Militärgericht, möglicherweise rettete er seinen Kopf nur durch seine Kooperation, das Gericht verurteilte ihn zu 40 Jahren. Hüseyin Yildirim traf es ärger, auf lebenslänglich befanden die Richter bei ihm, ohne Aussicht auf Begnadigung.

„Big Desaster“, sagt der Sträfling vor der Kamera. Und er meint damit weniger seine Festnahme als vielmehr den Mauerfall. Denn damit zerschlagen sich alle seine Hoffnungen auf einen Agentenaustausch, auch wenn DDR-Anwalt Wolfgang Vogel noch einen Vorstoß unternimmt. Noch schlimmer sein Versuch auf einen letzten Deal, Yildirim hat kopierte Akten in Berlin vergraben, darunter brisantestes Material. Etwa die Studie Canopy Wing, die der Ost-Berliner Oberst Klaus Eichner für einen Versuch der USA hält, Erstschlag-Kapazitäten aufzubauen. Diese Papiere will Yildirim jetzt zum Tausch gegen sich selbst anbieten, doch sein erster amerikanischer Anwalt macht seinen eigenen Deal. Er übergibt das Material den US-Behörden und tritt wenig später einen neuen Job in der Staatsanwaltschaft von Georgia an.

Es ist nicht immer ganz eindeutig, welche Frage die Autoren eigentlich beantworten wollten. Geht es um Gerechtigkeit, darum, ob mit dem Ende des Kalten Krieges die Strafwürdigkeit der Handlungen Yildirims neu verhandelt werden müsste? Wollten sie zeigen, wie ein Mann zwischen die Fronten der Großmächte gerät und seine Familie, die er einst verlassen hatte, ihm erst verzeiht und dann um ihn kämpft, bis sie alle vereint wieder auf dem häuslichen Sofa sitzen? Dann hat diese Reportage ein Happy End. Zu Beginn der Dreharbeiten war Yildirim tatsächlich der letzte ausländische DDR-Spion in US-Haft. Aber als die beiden Autoren praktisch fertig waren, kam er völlig überraschend frei. Die USA lieferten ihn nach langen Verhandlungen an die Türkei aus, mit der Maßgabe, dass er dort seine Reststrafe verbüßen müsse. Die Türkei akzeptierte, verzichtete aber auf den Vollzug. Yildirim hat inzwischen einen Antrag auf Zusammenführung mit seiner in Berlin lebenden Familie gestellt.

Oder wollten die Filmemacher zeigen wie dieser Mann tickt? „Fragt meinen Boss, fragt Markus Wolf“, sagt Yildirim am Ende des Films geheimnisvoll. Der ist zur Preview tatsächlich gekommen, seinen einstigen, inzwischen 76 Jahre alten Topagenten per Handschlag zu begrüßen. „Von so einem Mann konnte ein Nachrichtendienst nur träumen“, sagt Wolf. Und irgendwie richtete sich Canopy Wing, der Lauschangriff, ja quasi auch gegen Wolf persönlich, in Eberswalde, wo die Sowjets saßen, „da hatte ich doch gleich daneben ein Grundstück“. Doch was trieb Yildirim an? Abenteuerlust vielleicht? Im Film bekommt man einen Mann zu sehen, der für einen vorteilhaften Deal alles und jeden preisgibt: seinen Arbeitgeber, seine Frau, seine spätere Freundin. Eine ernüchternde Bilanz.

„Deckname Blitz“: 23 Uhr, ARD

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