Medien : Der Sprachverteidiger

Wolf Schneider feiert heute seinen 80. Geburtstag

Bernd Matthies

Möglicherweise grämt sich Wolf Schneider darüber, dass er insgesamt nicht ganz so viel Einfluss auf die deutsche Sprache nehmen konnte wie Rudolf Augstein, obwohl er dessen Spiegel-Jargon über Jahrzehnte unerbittlich verfolgt hat. Doch es kann noch werden: Schneider feiert heute seinen 80. Geburtstag, und es scheint, als habe er sich keinesfalls zurückgezogen aus der ersten Reihe all jener, die die deutsche Sprache verteidigen gegen ihre Verhunzer und Verbieger.

Schneider-Schüler wissen: Qualität kommt von Qual. Textqualität also kommt von jener Qual, die Journalisten, Autoren, Moderatoren zu erdulden haben, damit eben nicht die Leser und Zuhörer sich quälen müssen. Das Ziel seiner Arbeit hat er bündig formuliert, als er 1999 in seiner 99. Sprachglosse Abschied nahm von den Lesern der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Redliches, farbiges, kraftvolles Deutsch in klar dahinströmenden Sätzen – weg von Watte, Wichtigtuerei und den giftigen Nebeln des Jargons.“ Er hat dieses Credo den zahllosen Absolventen der Hamburger Henri-Nannen-Schule eingebläut, denen er von 1979 bis 1995 unerbittlich im Nacken saß, er hat es in sechs Sprachbüchern formuliert, die allesamt als Klassiker des Genres gelten dürfen, und er gibt es auch heute noch in Seminaren weiter, zu Honoraren, die nur unwesentlich unter jenen von Bill Clinton liegen – verdient, wie man zweifellos sagen muss.

Die Schneider-Sprache, oft karg, immer geradeaus und weitgehend frei von schmückenden Adjektiven, hat nicht nur Freunde. Das liegt vor allem daran, dass er seine Regeln nicht an den Vorlieben der Schreiber ausrichtet, sondern das Interesse des Lesers in den Mittelpunkt stellt. „Wer uns innovative Aktivitäten verspricht", schrieb er in charakteristischer Drastik, „dem sollten wir sagen, dass sein Wortschleim kein Körnchen Substanz enthält, denn tätig sind wir alle und neu ist jede Tat." Wortartisten, die nicht gelesen, sondern bewundert werden wollen, sind ihm ein Gräuel, und auch seine Beiträge zu Problemen der Rechtschreibreform waren stets an der Frage orientiert, was der Leser von den Neuerungen habe.

Sprachpapst, nun ja – mit dem Etikett muss er leben. Dabei war er auch Chefredakteur der „Welt“, hat Talkshows moderiert, zahllose glänzende Reportagen geschrieben und dicke Sachbücher zu typischen Schneider-Themen. Eines davon befasste sich mit den großen Verlierern der Weltgeschichte von Goliath bis Gorbatschow. „Nichts wäre schlimmer als eine Welt voller Sieger. Es sind die Verlierer, die das Leben erträglich machen", heißt es darin. Er selbst hat sich aber, wie es scheint, ganz auf der Sieger-Seite eingerichtet.

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