Medien : Der Stadtpaniker

Im ARD-Film „Angsthasen“ brilliert Edgar Selge als Mann mit 1000 Phobien

Katrin Hillgruber

„Neurose, die: abnorme Erlebnisreaktion, die in krankhafter Verarbeitung seelischer Erlebnisse besteht und zu einem dauernden, teils körperlichen, teils seelischen Leidenszustand führt.“ So definiert das Lexikon in dürren Worten einen Zustand, der in Gestalt des Versicherungskaufmanns Adrian Zumbusch seine prächtigste Blüte entfaltet. Der arme Mann wird in Tunneln, Aufzügen und Flugzeugen von Platzangst geplagt, ganz zu schweigen von seiner Höhenangst. Um sich in seinem Büro im Glaspalast einer Münchner Lebensversicherung so sicher wie in einem Käfig zu fühlen, hat er die Fensterscheiben mit farblich sortierten Merkzetteln zugeklebt. „Jede Angst basiert auf einer Urangst. Auf der Angst vor dem letztlich Unbekannten: vor dem Tod“, sagt Drehbuchautor Ulrich Limmer. Der Film „Angsthasen“ blieb lange Zeit seine unrealisierte Herzensangelegenheit. Das Thema Phobien beziehungsweise psychische Krankheiten im Allgemeinen war den Sendern suspekt, bis es dann plötzlich in aller Breite von den Medien entdeckt wurde. Durch eine Zufallsbegegnung mit der Regisseurin und Autorin Franziska Buch traf Ulrich Limmer auf den Darsteller von „Wallenstein“, „Faust“ und „Hamlet“ sowie kauzig-scharfsinnigen „Polizeiruf 110“-Kommissar Edgar Selge: Die Idealbesetzung des Adrian Zumbusch war gefunden.

In dieser Paraderolle zieht Edgar Selge, von der Last der Realität und der Wahrscheinlichkeit befreit, alle Register. Um seiner stichflammenartig emporschießenden Sozialphobie zu entkommen, klemmt er sich mit aller Gewalt in der Toilettentür einen Finger ein, so heftig, dass der Notarzt kommen muss. Der Anlass: Er sollte vor dem versammelten Vorstand einen Vortrag darüber halten, wie die interne „Innovationshemmung“ zu beheben sei – ein brisantes Thema (als Zumbuschs Vorgesetzter Dr. Oberländer brilliert in schönstem Honoratioren-Bayerisch Christian Hoening).

Der Neurotiker sucht durch sein merkwürdiges Verhalten Entlastung und, wenn möglich, Zuwendung, und die findet er in seiner Eigenschaft als Hypochonder mit immer neuen, fantasievollen Symptomen in der Medizin. Auch die junge Ärztin Katja Lorenz (Nina Kunzendorf) ist zunächst beeindruckt von dem Bouquet an Selbstdiagnosen, die ihr Adrian Zumbusch als neuer Patient beim EKG-Belastungstest atemlos offeriert. Ein Blutbild scheint Adrians schlimmste Befürchtungen zu bestätigen. Laut Dr. Lorenz hat er nur noch drei Monate zu leben. Diese Diagnose löst bei Adrian eine paradoxe Reaktion aus: Den vermeintlichen Tod vor Augen fängt er endlich zu leben an. Selbst in die Scheidung seiner durch die anstrengenden Ticks zerrütteten Ehe willigt er plötzlich ein. Er unternimmt mit der Ärztin, die das Mitleid übermannt, eine Ballonfahrt, bezieht eine Dachgeschosswohnung, hängt in schwindelnder Höhe Wäsche auf, sagt den Bürohengsten die Meinung und – verliebt sich neu.

Dass Katja ebenso unter einer Neurose, nämlich massiver Bindungsangst, leidet, wissen zunächst nur sie und ihr Psychiater Dr. Elmau (als Gast: Uwe Ochsenknecht). Sie verliebt sich nur in schwer greifbare Männer wie einen Asylbewerber, der nach Uganda abgeschoben wird. Da kommt ihr der angeblich todkranke Adrian gerade recht. Doch was, wenn es sich um eine Fehldiagnose handelte? Franziska Buch hat diese Liebesgeschichte zweier empfindsamer Seelen oder „Angsthasen“ hochtourig inszeniert und in allen Rollen ausgezeichnet besetzt. Auch wenn der Klamauk und die Special Effects manchmal überhandnehmen: Sigmund Freud hätte seinen Spaß gehabt.

„Angsthasen“, ARD, 20 Uhr 15

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