Medien : Der Stollen Thomas Manns

Tom Peuckert

Zuallererst wollen wir ein paar Eulen nach Athen tragen. Jeder ernst zu nehmende Radiohörer in Berlin kennt natürlich Bernhard Morbach und seine Leidenschaft für Alte Musik. Die fabelhafte Gelehrtheit des Mannes und den wunderbar meditativen Ton seiner Moderationen. Derzeit stellt Morbach in einer großen Serie insgesamt 150 Komponisten der Renaissance vor. Gerade ist er bei Nummer 87, Melchior Franck, und Nummer 88, Miguel de Fuenllana, angekommen. Wer entspannt-geistreiches, irgendwie froh stimmendes Radio mag, sollte „Morbach Live“ auch diesmal nicht verpassen (Kulturradio, 21. Dezember, 18 Uhr 05; regelmäßiger Sendeplatz am Montag, Mittwoch und Freitag, ab 18 Uhr 05; UKW 92,4 MHz).

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Die letzten Geheimnisse der Kunst haben schon viele zu enträtseln versucht. Der Künstler, so orakelte unlängst ein kluger Freund, ist ein leicht Verrückter, der geschickt eine schwere Verrücktheit simuliert. Große Kunst sei schließlich immer eine richtig verrückte Angelegenheit. Wäre der Künstler selber schwer verrückt, käme er natürlich ins Irrenhaus. Wäre er überhaupt nicht verrückt, würde er eher als Koch, Bäcker oder Ingenieur arbeiten. Auch Friedrich Pohlmann hat sich an die Betriebsgeheimnisse der Kunst gewagt. In seinem Radioessay „Der kreative Einfall“ geht es ihm um selbigen. Welche Gestimmtheit im Künstlerhirn geht dem Einfall voraus? Wie wird aus luftigen Einfällen schließlich ein respektables Kunstwerk? Pohlmann hat das Schaffen der Herren Renoir, Beethoven, Benn und Enzensberger diesbezüglich untersucht (Kulturradio, 22. Dezember, 22 Uhr 04).

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Am Weihnachtstag ist es Zeit für ein paar deftigere Geheimnisse. Im Feature „Alle Jahre wieder“ erzählen Kathrin Aehnlich und Steffi Mannschatz alles über die Tradition der sächsischen Stollenbäckerei. Einst besaß jede Hausfrau der Region ihr streng gehütetes Privatrezept. Vor Weihnachten zog man mit langen Holzbrettern zum nächsten Bäcker, darauf die kostbaren Teigrohlinge. Heute überschwemmt Industrieware den Markt. Aber noch immer frönt manche sächsische Hausfrau dem Stollenkult (Kulturradio, 24. Dezember, 9 Uhr 05).

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Für die Heilige Nacht haben wir nur eine Empfehlung. Der 1982 verstorbene Ost- Berliner Schauspieler Herwart Grosse liest ein Kapitel aus Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ . Es trägt den Titel „Fülle des Wohllauts“ und erzählt von Davoser Winternächten und einem Grammofon. Wie der schwindsüchtige Sanatoriums-Insasse Hans Castorp dem Zauber der Musik erliegt. Grosses charismatische Stimme wird untermalt von süffiger Opernmusik. Zugnummern aus Werken von Rossini, Wagner, Verdi, Puccini. Impressiver als mit dieser Preziose aus den Tonarchiven kann man die Weihnachtsnacht gar nicht verbringen (Deutschlandradio, 24. Dezember, 22 Uhr, UKW 89,6 MHz).

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Weil der große, geruhsame Thomas Mann zum Weihnachtsfest passt wie die Kerze zum Tannenbaum, sei hier noch eine schöne sechsteilige Hörspieladaption der „Buddenbrooks“ empfohlen. In atmosphärischer Pracht zieht die berühmte Lübecker Familiensaga an uns vorüber. Vom patriarchalischen Felsen Johann bis zum zahnwehkranken Thomas und dem früh dahinsiechenden Hanno Buddenbrook sind alle mit von der Partie. Eine Produktion aus den sechziger Jahren, die selbst den Geist einer versunkenen Radioepoche verströmt (SWR 2, Teil 1 am 25. Dezember, 16 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

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Wer es melodramatisch mag und auch historische Geräuschkulissen nicht verachtet, dürfte am Hörspiel „Die Päpstin“ sein Vergnügen haben. Es handelt sich um die Radioadaption eines Mittelalter-Bestsellers der Amerikanerin Donna Woolfolk Cross . Wie der Titel schon ahnen lässt, geht es um eine Frau, die in der katholischen Hierarchie beträchtliche Unruhe stiftete. Die junge, hoch begabte Johanna aus Bayern nimmt die Identität ihres verstorbenen Bruders an, studiert Medizin, geht nach Rom. Sie wird verstrickt in Kriege, Intrigen und Liebschaften, klettert die klerikale Karriereleiter unaufhaltsam nach oben, wird schließlich im Männergewand zur Päpstin gewählt. Versteht sich, dass so eine Camouflage nicht glücklich enden kann (Deutschlandradio Kultur, 25. Dezember, Teil 2 am 26. Dezember, jeweils 18 Uhr 30).

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