Medien : Der synthetische Mensch

Noch nie hat ein Sender seine Kandidaten so benutzt wie Pro 7 bei „The Swan“

Kerstin Decker

Die ultimative Schönheitsshow hatte Pro 7 angekündigt. Die Selbstbilder von Fernsehanstalten muss man nicht unbedingt ernst nehmen, aber diesmal hat Pro 7 recht. Das hier ist ultimativ. Denn das ist faschistoid. Direkt vor unseren Augen wird ein neues totalitäres Menschenbild geschaffen. Nichts Individuelles soll euch bleiben! Perfekt seid ihr erst, wenn nichts an euch mehr von euch selber ist. Das ist die Botschaft. Und wir gucken noch immer rückwärts in die Vergangenheit, wenn wir wissen wollen, was totalitär ist. Wer ist so naiv zu glauben, dass das Faschistoide allzeit braunhemdig aussieht?

Aber alle gucken das völlig freiwillig, überredet man sich selbst. Keiner wird gezwungen und sogar die Schwan-Kandidatinnen sind im Swan-Camp keineswegs zwangsinterniert. Sollte man sich wirklich von einer Schönheits-OP-Show provozieren lassen? Man könnte sie einfach weglachen. Etwa wenn Silke, 36 Jahre alt!, Mutter zweier Kinder, Körperverbände, Brustverband, Nasenkompresse und Kopfstützverband, ihre Mitkandidatin fragt: „Willst Du mal meine Möpse sehen?“ Sieht aus, wie gerade unter einen LKW gekommen, und dann das. Schöner Schwan? Irrtum, dumme Pute. Geflügel bleibt Geflügel. Aber es macht keinen Spaß. Nicht, dass sie Opfer sind, aber Silke und Tatjana – vollständige Namen hat hier keine mehr – sind auch nicht schuld an sich selbst. Wer ist das schon? Beide sind nicht einmal unsympathisch und hübsch ohnehin – vor allem vor den Operationen und ihrem Total-Relaunch waren sie das. Jetzt sind sie Orwellsche Figuren, Vollsynthetik-Puppen. Darf man Menschen vorwerfen, dass sie – längst Mütter – nie erwachsen geworden sind? Dass sie kein Gefühl mehr für Privatheit haben, keine Rückzugsräume in sich selbst? Wohl nicht. Aber noch nie hat ein Sender das so benutzt und inszeniert wie jetzt Pro 7. Denn es geht nicht um Schönheits-OP’s. Man hat schon viel ausführlicher Messer in Brüste schneiden sehen, die es gar nicht nötig haben. Und Tatjanas Bauch war wirklich ziemlich wellig von zwei Schwangerschaften. Gute Idee, das operieren zu lassen. Man muss heute nicht mehr ohne Zähne leben, nur weil man schon ein bisschen älter ist, also auch nicht mit solchen Bäuchen. Und wenn Frauen glauben, sie brauchen einen XXXL-Busen zur Steigerung ihres Selbstwertgefühls – dies ist ein freies Land und jede soll die Brüste haben, die sie verdient. Waren all diese Nasenbegradigungs-, Kinnstreckungs-, Fettabsaugungs-Reportagen nicht geradezu populärwissenschaftliches Bildungsfernsehen, urania-like, verglichen mit „The Swan“? „The Swan“ will den ganzen Menschen, die ganze Frau. Motivationscoaches arbeiten an Silkes Selbstbewusstsein und entwickeln „neue Lebensziele“. Und die Musik dazu, diese Endlos- Ton-Gardinen aus Pseudotragik!

Sechzehn Kandidatinnen gibt es. Zwei sind erst geschafft. Der Höhepunkt jeder Sendung ist es, wenn die Schwäninnen zum ersten Mal nach zwölf Wochen wieder in einen Spiegel gucken dürfen. Dann müssen sie weinen, sie sagen unter Tränen Sätze wie „Macht das Freude, wieder Frau zu sein“, und man möchte diese Zivilisation am liebsten auf der Stelle verlassen. Vielleicht sollte Pro 7 auch einmal wieder in den Spiegel gucken.

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