Medien : Der Tag, an dem „Bild“ Kanzler war

Joachim Huber

Habemus Misstrauen – und die Welt war live dabei. Selbst CNN und BBC World schalteten auf „Breaking News“, als der Bundestag die Vertrauensfrage diskutierte und abstimmte. Der US-Nachrichtensender CNN übertrug die gesamte Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder live, die britische BBC sendete Teile. Während die deutschen Stationen von ARD über n-tv bis zum ZDF brav zuhörten, bemühte sich CNN zugleich um Einordnung und Analyse, die BBC schaltete den Londoner Korrespondenten des „Spiegel“ zu. Die deutschen Sender, namentlich die privaten Nachrichtensender und Phoenix, waren teilweise schon seit den frühen Morgenstunden beim Thema. Die Aussprache selbst sendeten wenigstens acht Stationen live. Dokumentieren, dabei sein: die Vertrauensfrage als Medienereignis. Die Fernsehjournalisten hatten sich für die obligaten Gesprächsrunden die obligaten Experten an die Tische geholt, und weil der politische Vorgang im Kern eine verfassungsjuristische Frage ist, war das Bundesverfassungsgericht mit den ehemaligen Mitgliedern Grimm, Limbach und Mahrenholz bestens vertreten. Ob die frühere Präsidentin, Jutta Limbach, den Bundespräsidenten beraten habe, wollte ZDF-Moderatorin Bettina Schausten wissen. „Es gibt Geheimnisse, die eine Frau nicht verrät“, war die nonchalante Antwort.

Überhaupt, die Frauen. Kanzlerkandidatin Angela Merkel hatte mehrere Versprecher parat, die PDS-Abgeordnete Gesine Lötsch fuhr die ihrer Meinung nach schärfste Attacke auf Schröder: „Bild ist Kanzler!“ zitierte sie „Bild“. Der wahre Bundeskanzler wäre demnach Kai Diekmann, Chefredakteur von Deutschlands auflagenstärkster Zeitung. Eine Vorlage, die Michael Glos, der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, aufgriff. Er zitierte die „Bild“-Titelzeile vom Freitag „Danke, Kanzler“ und verwies auf das „Kleingedruckte“ im Aufmacher. Weil „Bild“ Schröder dafür Danke sage, dass er „in schwierigen Zeiten gehandelt hat wie ein Mann – und wie ein Patriot“. Eine Telefonumfrage des Nachrichtensenders n-tv nach der Abstimmung ergab, 43 Prozent der Bundesbürger glauben, Schröder habe noch eine Chance. Andere sind da schon weiter. „Die Bundeskanzlerin verlässt als Letzte den Saal“, sagte der Phoenix-Reporter. Gemeint war Angela Merkel.

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