Medien : Der Tagesspiegel

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Herbert Zimmermann

1 Sein rheinischer Pathos-Sound ist, trotz beträchtlicher Schwankungen, für immer mit dem deutschen Fußball verbunden. Sein „Toni, du bist ein Fußballgott“, sein „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt…“, sein „Aus Aus Aus Aus Das Spiel ist aus Deutschland ist Weltmeister“, dies alles ist in die Mythologie eingegangen. Dem Sprecher von Bern 1954 gelang es auf charakteristische Weise, im deutschen Bemühen um Redlichkeit und Gedämpftheit nach dem Zweiten Weltkrieg einen gewissen Nationalstolz durchhören zu lassen.

Rudi Michel

2 Die ewige Stimme. Von 1954 bis in die Niederungen der achtziger Jahre markierte Rudi Michel alle nur denkbaren Gefühlslagen. Bei allem Bemühen um Objektivität war im Hintergrund doch immer etwas zu ahnen, von dem man wusste: Würde es durchbrechen, wäre alles zu spät. Beeindruckend die staatsmännisch hervorgebrachte, öffentliche Bitte an Bundestrainer Derwall 1984, mit dem er befreundet gewesen war, der aber eine äußerst jämmerliche Figur machte: „Tritt zurück, Jupp!“

Kurt Brumme

3 Hatte das Glück, die größte Zeit des deutschen Fußballs am Radiomikrofon zu erleben, und bei aller Inbrunst – er verzweifelte ob des Jahrhundertspiels gegen Italien 1970 in schier antiker Manier – gelang es ihm, die Rundfunkreportage ins Lyrische hinüberschillern zu lassen, mitten in der größten Dramatik Metaphern mit Sonne und Flutlicht zu finden. Sein größter Coup: Gladbachs Hacki Wimmer mit dem Barbier von Sevilla gleichzusetzen („Figaro hier, Figaro da!")

Eberhard Stanjek

4 Der Melancholiker. Seine Stimme wurde während der „Schande von Gijon“ 1982 immer leiser, fast unhörbar, man hörte am Fernseher nur noch die wütenden „Algerien, Algerien"-Rufe der Zuschauer (Algerien musste wegen des skandalösen Nicht-Spiels zwischen Deutschland und Österreich ausscheiden). Und er hatte Grund, immer noch melancholischer zu werden. Fürs Fernsehen gar nicht schlecht.

Oskar Klose

5 Einer von altem Schrot und Korn. Wenn er sich nicht mehr beherrschen konnte, verfiel er in einen ungeheuren Singsang, selbst nachrichtlich ödeste Satzteile bekamen einen unglaublichen melodiösen Schub.

Das lag vor allem am Aufstieg des FC Bayern München, den er unerbittlich begleitete. Seine Sternstunde allerdings war eher unfreiwillig: er musste am 2. Dezember 1967 alle sieben furiosen Tore des 1.FC Nürnberg beim 7:3 gegen Bayern München schildern.

Günther Koch

6 Der Meister. Durch ihn ist die Radioreportage in den Rang eines Kunstwerks erhoben worden. Die Geistesgegenwart, mit der das Geschehen auf dem Spielfeld bei Koch in die jeweils passende Sprachform überführt wird, sucht seinesgleichen. Er ist ein Wortakrobat, er ist ein Rhythmuskünstler, er ist ein glühender Bildschöpfer. Sein Part bei der Konferenzreportage des letzten Spieltags 1999 hat nur noch bei Shakespeare einen Vergleich. Der größte Skandal dieser Weltmeisterschaft ist, dass ihm all die angepassten Schalterbeamten der ARD-Anstalten vorgezogen wurden, und er nicht von der WM berichten darf.

Edi Finger

7 Sein Traum war es, beim Live-Bericht eines Fußballspiels an einem Herzschlag zu sterben. Am nächsten kam er dem 1978 im argentinischen Cordoba. Dort herrschte Wiener Glut. Nach 43 Jahren zum ersten Mal wieder die Deutschen besiegt! Dieser Abend währte ewig. Jeder seiner Bestandteile wurde immer wieder neu zusammengesetzt. „Wir fallen uns um den Hals. Der Kollege Ippl, der Diplom-Ingenieur Bosch. Wir busseln uns ab. 3:2 für Österreich, durch ein großartiges Tor unseres Krankl. Der hat alles überspült, meine Damen und Herrn…“

Dieter Kürten

8 Die ZDF-Ausgabe des Melancholikers. Also ein bisschen mehr ins Conferencierhafte hinübergleitend, in der Maske eines Sunny- Boys. Die siebziger Jahre waren seine größte Zeit, als man an den Schaltstellen der Medienmacht gut daran tat, sich in Milde und Nachsicht zu üben. So hätte es ewig weitergehen können.

Werner Hansch

9 Nein, nicht der Pausenclown auf Sat 1. Gemeint ist hier der große Rundfunkreporter Werner Hansch, der bis weit in die neunziger Jahre hinein, bis zu jenem unglückseligen Entschluss, für das WDR-Radio die Bundesliga übertrug und der Einzige war, der es jemals geschafft hat, mit Günther Koch in einem Atemzug genannt werden zu können.

Einmal, es war ein Freitagabend, gab es nur zwei Spiele, und Werner Hansch und Günther Koch gestalteten eine Zweierkonferenz. Das wird keiner vergessen, der das Glück hatte, dabeigewesen zu sein.

Marcel Reif

10 Ja, is ja schon gut. Marcel Reif ist wohl tatsächlich der beste Live-Reporter, den es zur Zeit im deutschen Fernsehen gibt. Er hat vorgemacht, wie es sich anhören könnte, „ein Spiel zu lesen“. Das hat viele unglückliche Nachahmer gefunden, aber dafür kann er nichts. Verkörpert den Paradigmenwechsel von Emotionalität und Lautstärke zur Analyse, oder zumindest zum Ton derselben. Ist aber zu ungeahnten Volten in der Lage, es kann immer noch etwas kommen.

Rolf Kramer

11Der ständige Ton des ZDF. Hat es bis zur Übertragung von zwei WM-Endspielen geschafft. Fiel nie besonders auf, und das war sein Charisma. In der Stimme schwang immer etwas von dem Pathos mit, das der jeweiligen Situation angemessen schien, da musste es erst gar nicht in Sprache überführt werden. Klang merkwürdigerweise immer nach Mono-Empfang, mit weit aufgedrehtem Höhenregler.

Auf der Strafbank

BLOSS NICHT EINWECHSELN!

1) Heribert Faßbender: Unglaublich, dass es ihn immer noch gibt.

2) Gerd Rubenbauer: Der Münchner Winner-Typ. Ist immer gegen die Brasilianer (“brotlose Kunst“)

3) Wilfried Luchtenberg: Berühmt durch einen „Zeit“-Aufmacher von Benjamin Henrichs über das Elend der deutschen Fußballreportage (Titel: „Die Luchtenbergs“) .

4) Johannes B. Kerner: Der Schwiegersohn. Das Spiel wird geradezu pädagogisch betreut.

5) Werner Schneider: Wembley, April1972. So etwas konnte es weder vorher noch nachher jemals geben. Und Werner Schneider hat nichts davon gemerkt.

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