Medien : Der Tagesspiegel

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Von Andreas Kötter

So etwas nennt man eine Erfolgsstory. Wenn am 25. Juni im Berliner Egmont Ehapa-Verlag die 300. Ausgabe der Reihe „Walt Disneys Lustiges Taschenbuch“ (LTB) erscheint, dann steht dieses Jubiläum wohl für das erfolgreichste Taschenbuch-Projekt in der Geschichte des deutschen Verlagswesens. Man könnte gar vermuten, dass man bei Egmont Ehapa längst einen Kooperationsvertrag mit dem skandinavischen Möbelriesen Ikea geschlossen hat. Denn wer alle 300 Bände der LTB nebeneinander aufstellen will, der braucht wohl auch das ein oder andere „Billy"-Regal. Besitzt er nun doch auch fast fünf laufende Meter attraktiver Buchrücken-Deko. Mehr als 200 Millionen Bände wurden aufgelegt, seitdem die Reihe 1967 mit der legendären Nummer Eins „Der Kolumbusfalter“ startete. Pro Jahr kommen zwölf bis 13 neue Ausgaben dazu. Auch die alten Bände werden sukzessive in neuem Design aufgelegt, so dass fast alle Nummern stets verfügbar sind.

Während Disney-Geschichten ursprünglich aus den USA stammen, wo Künstler wie Carl Barks mit seinem cholerisch-liebenswerten Enterich „Donald Duck“ oder Floyd Gottfredson mit seiner oftmals penetrant rechtschaffenen „Micky Maus“ Weltruhm erlangten, steht die Wiege der lustigen Taschenbücher aber in Italien.

Dort waren Disney-Comics schon in den 30er Jahren so beliebt, dass man im Dezember 1932 die Wochenzeitschrift „Topolino“ gründete, die diese Comics in Lizenz nachdruckte („Topolino“ ist der italienische unserer „Micky Maus"). Da der Bedarf an Disney-Comics stetig größer wurde, entschloss man sich 1937, nun auch in Lizenz selbst zu produzieren. Ein solch immenser Erfolg war „Topolino“ mittlerweile geworden, dass man zudem sogar ein weiteres wöchentlich erscheinendes Disney-Heft auflegte: „Paperino“ lautete der Titel, was nichts anderes ist als der italienische Name von „Donald Duck" („Papero“ bedeutet Gänserich, umgangssprachlich steht der Begriff auch für Dummkopf). Welch innovativen Geist die Italiener in Sachen Disney-Vermarktung entwickelt hatten, zeigte sich auch daran, dass „Paperino“ fünf Jahre vor dem ersten US-amerikanischen „Donald Duck"-Heft auf den Markt kam.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte man die Hefte von Groß- auf Taschenbuchformat um. Mit dem Umfang der Bücher wuchs auch die Länge der veröffentlichten Geschichten. Künstler wie Romano Scarpa, einer der beliebtesten italienischen Disney-Autoren, adaptierten für „ihre“ Helden nun häufig Stoffe der Weltgeschichte oder der Weltliteratur. 1967 entschied sich dann der damals noch in Stuttgart beheimatete Ehapa Verlag, der mit dem „Micky Maus-Magazin“ bereits einen großen Erfolg an den Kiosken erzielt hatte, zur Produktion der „Lustigen Taschenbücher“, für die man größtenteils auf italienisches Material zurückgriff.

So konnten sich fortan auch deutsche Leser an Abenteuern wie „Die Ducks – vom Winde verweht“ oder „Krieg und Frieden“ erfreuen. Ganz neue Figuren, die im amerikanischen Disney-Universum gar nicht existierten, tauchten auf, wie die in Dagobert Duck vernarrte Gitta Gans oder der „E.T."-Vorläufer Atömchen. Und ein ganz besonderer Erfolg war, selten genug, dem sonstigen Pechvogel Donald vergönnt. Als Superheld „Phantomias“ machte er erstmals 1976 den Gaunern in Entenhausen das Leben schwer.

Im Laufe der Jahre veränderte sich auch das Erscheinungsbild der Taschenbücher. Hatte man bis Band 118 im Wechsel stets eine Doppelseite bunt, dann wieder schwarz-weiß gedruckt, so wurde nun ab der Nummer 119 durchgehend farbig produziert. Berlin war dafür übrigens Testgebiet. Dort waren schon die Bände 116 und 117 durchgehend farbig erschienen. Der Erfolg bei den Berliner Lesern bescherte schließlich der ganzen Bundesrepublik den ungetrübten bunten Comicspaß.

1997 entschied man sich bei Ehapa dann zur bereits erwähnten Neuauflage der alten Bände, natürlich nun ebenfalls im aktuellen Design und jeweils mit einem verzierten Buchrücken. Zu je zehn bis 20, in Ausnahmefällen aber auch bis zu fast 50 aufsteigenden Nummern aneinander gereiht, ergeben diese Verzierungen stets ein zusammenhängendes Motiv aus dem Disney-Kosmos.

Besonders prachtvoll ausgestattet sind die Ausgaben, die bestimmte Jubiläen der Disney-Figuren feiern, wie 70 Jahre „Micky Maus“ oder 60 Jahre „Tick, Trick und Track". Mit aufwendigem Prägedruck und häufig auch mit zusätzlichen Seiten versehen, sind diese Bände eine ganz besondere Zier für jedes „Billy“-Regal.

Marion Egenberger, Pressesprecherin beim Ehapa Verlag, bestätigt, dass der Erfolg der Taschenbücher, die heute immerhin 3,95 Euro kosten, nicht nur jüngeren Leser zugeschrieben werden kann. „Während sich das ebenfalls bei uns erscheinende wöchentliche ,Micky Maus-Magazin’ eindeutig an Kinder bis zwölf Jahre richtet, erreichen wir mit den LTB eine deutlich ältere Leserschaft“, sagt Egenberger. Eine Leserschaft, die zur Hälfte die 25 bereits überschritten hat, häufig in Studentenkreisen zu finden ist und daher wohl auch über einen höheren Bildungsstandard verfügt, als das bei Comic-Lesern sonst der Fall sein mag.

Das beeinflusst auch die Inhalte der Geschichten um Donald, Dagobert, Micky und Co. „Beim lustigen Taschenbuch versuchen wir im Gegensatz zum ,Micky Maus Magazin’, einem sehr schnelllebigen Medium, so wenig modisch wie eben möglich zu sein“, sagt die Pressesprecherin. Die Taschenbücher seien für viele Leser Sammelobjekte, die an Kinder und Kindeskinder weiter vererbt würden. Deshalb ist dem Verlag „sehr daran gelegen, den klassischen, zeitlosen und märchenhaften Charakter der Reihe zu erhalten". So kommen LTB-Leser immer wieder in den Genuss betont freier Adaptionen herausragender Lesestoffe, wie Victor Hugos „Les Misérables“ oder Shakespeares „Hamlet“. Selbst den „Krieg der Sterne“ haben die Ducks längst gekämpft (Band 168, „Kampf der Galaxien"). Und wer weiß, vielleicht sehen wir Donald und Co. bald auch schon im Harry Potter-Look.

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