Medien : Der Tod als Pointe

Art Buchwald hat seinen Nachruf selbst geschrieben

Christoph von Marschall

Den Abschied von dieser Erde beging er, wie er sein Leben gelebt hatte – als sei selbst der eigene Tod vor allem die Gelegenheit zu einer Pointe. Art Buchwald, der wohl profilierteste Satiriker unter den US-Kolumnisten der letzten Jahrzehnte, Pulitzer-Preisträger von 1982, schrieb seinen eigenen Nachruf für die „International Herald Tribune“. Am wertvollsten, scherzt der untersetzte, korpulente Zigarrenraucher, seien die großartigen Tennis-Matchs gewesen und seine Siege über die Topspieler dieser Welt, vor allem dank seines perfekten „Lob“. Und er, der nach dem Krieg rund zwei Jahrzehnte in Paris gelebt hatte, ehe er 1963 in die USA zurückkehrte, bedauert, „nicht all die Eclairs gegessen zu haben, die ich mir gewünscht hatte“.

Diese letzte Kolumne ist ein wenig aus der Zeit, ist wohl bereits vor einem Jahr entstanden. Art Buchwald betont darin, warum „ich in ein Hospiz gehe, wenn ich gehe“ – es sei der zivilisierteste Platz für die letzten Stunden, weil es das Sterben einfacher mache; und dass dies seine eigene Entscheidung gewesen sei. Tatsächlich ist er mit 81 am Mittwoch an Nierenversagen im Haus seines Sohns in Washington gestorben.

Im Februar 2006 war er wirklich ins Hospiz gegangen. Zuvor hatte man ein Bein amputiert wegen schwerer Probleme mit Nieren und Blutgefäßen. Die Dialyse verweigerte er, warum soll man sich heldenhaft gegen das Ende wehren? Doch im Hospiz begannen seine Nieren wieder zu arbeiten. Und so schrieb Buchwald im März 2006: Mit dem Hospiz habe es nicht richtig geklappt. Eigentlich dürfte er seit Wochen nicht mehr leben, die staatliche Gesundheitsvorsorge habe auch nichts mehr für ihn übrig. Im Juli folgte: „So fahre ich nicht direkt gen Himmel, sondern erst mal nach Martha’s Vineyard“, einer Insel vor Massachusetts Atlantikküste, wo die Berühmten und Reichen ihre Sommerhäuser haben. Dort möchte er seine Asche verstreut sehen.

Die letzten Monate verbrachte der Publikumsliebling mit öffentlichen Scherzen, wie er zu sterben gedenke und wie sein Tod erinnert werden soll. Man konnte ahnen, dass der kräftige Humor auch ein Selbstschutz des sensiblen Mannes gegen seine Ängste war. Im Hospiz habe er gelernt, dass es leichter sei, auf die Abschiedsbriefe von Freunden zu antworten als auf ihre Genesungswünsche. In allen Hospizen sei er jetzt berühmt als „der Mann, der nicht sterben kann“.

Er sei ja bereit, „nur bitte nicht am selben Tag wie Castro.“ Und am liebsten erst mit 95 „mitten im Tennismatch gegen André Agassi, der mit meinem Aufschlag nicht zurecht kommt“. Der Tod des chilenischen Diktators Pinochet platzte mitten in eine Buch-Party in New York. „Nach einer halben Stunde redete niemand mehr darüber, als habe der Mann nie gelebt.“ Art Buchwald will erinnert werden. Er hoffe, dass seine Abschiedskolumne auf eine Cornflakes-Box gedruckt oder zu einem alljährlichen Kult werde: vorzulesen an jedem Thanksgiving.

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