Medien : Der Tod der New Economy

Barbara Sichtermann

In jungfräulichen Tiefschnee einzutauchen und „seine Spur rein zu legen“, das sei, sagt Ski-Profi Michael Veith, „als Erlebnis kaum zu toppen“. Während der Jungunternehmer und Spitzensportler Werner Koenig auf einer Abfahrt zurückblickt, um sich an seiner Spur zu erfreuen, vernimmt er ein plötzliches, fast sanft grollendes Geräusch. Eine Lawine erfasst ihn und reißt ihn mit. Schwer verletzt harrt er anderthalb Stunden unterm Schnee aus, bei 29 Grad Körpertemperatur – bis es Freund Veith gelingt, ihn auszugraben. In einer Talkshow berichtet Koenig von seiner Todesnähe: „Es war schön. Wie auf Droge.“

Der Junge vom Tegernsee hat früh schon alles gewollt: Ruhm, Geld, große Leistung und Anschluss an die Milieus der Superreichen. Er kommt aus kleinen Verhältnissen und besitzt die Qualitäten, die einen Ehrgeizigen nach oben tragen: Charme, Schlagfertigkeit, Tollkühnheit, sportliches und geschäftliches Talent. Bald mischt er im Musik- und Filmgeschäft mit und macht in den Jahren der New Economy ein Vermögen. Nach Kirch und Kinowelt besetzt Koenigs Firma Helkon Platz drei.

Der verdiente Dokumentarfilmer Klaus Stern hat aus Bergansichten, Talkshow-Material, vielen Fotos und Interviews ein Porträt des Werner Koenig kompiliert, das mehr ist als das Bildnis eines ungewöhnlichen jungen Mannes: das Bild einer Epoche und zwar einer gewöhnlichen – im Sinne einer platten Philosophie der Maximierung von allem: Geld, Leistung, Erfolg. Dieser egomanische Werner Koenig, der 2000 mit 37 Jahren tatsächlich in einer Lawine sterben sollte, läuft als Inbegriff einer gierigen Ära über den Schirm: Das Wort „genug“ existiert nicht, das Wort „Sinn“ auch nicht, es gibt nur das Getriebensein über alle Grenzen hinaus. Dass Koenigs Schicksal gleichwohl tragisch war, arbeitet Stern durch sensible Akzentuierungen heraus. Das Ende seines Helden kann niemand gleichgültig lassen. Barbara Sichtermann

„die story: Lawine“, 22 Uhr, WDR-Fernsehen

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