Medien : Der Tod eines deutschen Reporters

„Focus“-Redakteur Christian Liebig wurde im Irak getötet. Auszüge aus seinen Berichten

Ulrike Simon

„So beginnt jetzt jede Konferenz: Wie geht’s Christian Liebig?“, schrieb „Focus“- Chefredakteur Helmut Markwort am Montag in der Rubrik „Tagebuch“ auf Seite 3 des Münchner Nachrichtenmagazins. Liebig hatte am vergangenen Donnerstag in einer Mail geschrieben: „Wenn ich nachts Schüsse oder Detonationen höre, schätze ich die Entfernung und schlafe meist schnell wieder ein.“

Um halbzehn am Montagvormittag hatte sich Liebig zum letzten Mal per Satellitentelefon gemeldet. Am Nachmittag schrieben die Agenturen, dass ein spanischer und ein deutscher Reporter ums Leben gekommen sein sollen. Bald darauf kursierte das Gerücht, „Focus“-Auslandsredakteur Christian Liebig könnte das Opfer sein. Am späten Abend, um 22 Uhr 30, wurden die Befürchtungen Wirklichkeit: „,Focus’ hat die traurige Pflicht, den Tod von Christian Liebig zu melden“, schrieb Markwort. „Unser Redaktionsmitglied starb wenige Kilometer südlich von Bagdad, wo ihn und einen spanischen Kollegen eine irakische Rakete traf. Wir sind erschüttert und tief traurig. Bis heute früh hatten wir regelmäßig per Telefon und E-Mail-Kontakt mit ihm. Er war als ,embedded journalist’ mit der 3. amerikanischen Infanteriedivision unterwegs und hatte sich am Sonntagabend entschieden, nicht mit anderen Journalisten zusammen ein Kommando ins Zentrum von Bagdad zu begleiten, sondern im Hauptquartier zu bleiben. Dies hielten er und sein spanischer Kollege für weniger riskant. Christian Liebig arbeitete seit 1999 in der Auslandsredaktion von ,Focus’. Er starb eine Woche nach seinem 35. Geburtstag.“

Christian Liebig war einer der wenigen Deutschen, die als „eingebettete Journalisten“ mit der US-Armee unterwegs waren. Liebig selbst schrieb in „Focus“-Ausgabe 12 vom 17. März 2003 über die 600 Journalisten, die in den Wüstencamps der US-Armee darauf warten, „dass der Krieg beginnt“. Unter der Überschrift „Eine tolle Story“ schrieb er: „Sie logierten in Fünf- Sterne-Hotels, lagen tagelang am Pool und unternahmen Spritztouren durch die kuwaitische Wüste. Kein schlechtes Leben, doch Hunderte von Journalisten wollten nichts lieber, als diesen Luxus gegen ein Plätzchen im Schatten eines amerikanischen Abraham-Panzers einzutauschen. In Kuwait steht die amerikanische Militärmaschine zum Angriff bereit – und mit ihr eine Armada von Presse, Funk und Fernsehen.“

Liebig ist eines von vielen Opfern dieses Kriegs, und er ist der erste deutsche Reporter, der im Irak umgekommen ist. Die Rakete war nach Angaben von US-Major Mike Birmingham beim Angriff auf eine Stellung der US-Armee südlich von Bagdad nahe des taktischen Einsatzzentrums der 2. Brigade der 3. US-Infanteriedivision eingeschlagen. Mit ihr war Liebig unterwegs. Die 2. Brigade war am Montag an Einsätzen in Bagdad beteiligt, darunter der Einnahme von drei Präsidentenpalästen von Saddam Hussein.

Helmut Markwort beschrieb Christian Liebig in der „Focus“-Ausgabe vom 24. März als einen nachdenklichen Kollegen und Brillenträger, als studierter Wirtschaftswissenschaftler und Politologe, der sich „für seinen Reportereinsatz in Kuwait und Irak zumindest äußerlich“ habe verwandeln müssen, „weil die amerikanische Armee von den sie begleitenden Journalisten ein Minimum an Vorsichtsmaßnahmen verlangt“. Also habe sich Liebig „einen Helm, eine Splitterweste und eine Schutzbrille gegen den Sand“ gekauft, und sich „die vorgeschriebene Schutzkleidung“ organisiert. Als Markwort dies schrieb, war Liebig in einem Geländewagen unterwegs, mit ihm ein Oberleutnant aus Washington und die Hauptgefreite Donna aus New York, die den Wagen lenkte.

Markwort schrieb in den vergangenen „Focus“ noch mehr von dem, was Liebig ihm am Satellitentelefon erzählt hatte. Auch, dass er wenig Zeit zum Schlafen habe, dass er zweimal auf einem Feldbett unter Vollmond übernachtet hatte, einmal im Geländewagen, in den durch alle Ritzen feinkörniger Sand dringt. Markwort: „Schon nach wenigen Tagen könnte er ein Buch über seine Erlebnisse schreiben. Später vielleicht – mit allem ihm anvertrauten Wissen, das er jetzt der Sicherheit wegen diskret behandeln muss.“

Später, am 31. März, schrieb Markwort in: „Aus der Wüste meldet sich täglich ,Focus’-Redakteur Christian Liebig auf dem mühsamen Weg von Kuwait nach Bagdad. (…) Noch nie waren Reporter so nah am Geschehen. Selbstverständlich dürfen sie nichts veröffentlichen, was das Leben der Soldaten gefährden könnte, aber trotz dieser Einschränkung sind ihre Informationen und Berichte viel authentischer als das Gerede mancher Experten, die sich aus sicheren Fernsehstudios mokieren. Christian Liebig spricht mit einfachen Soldaten und mit Offiziere, nimmt an Besprechungen teil, liest Analysen und notiert Tag und Nacht, schon deshalb, weil er kaum zum Schlafen kommt. Am Montag wird er 35. Das Geschenk für ihn drängt sich geradezu auf: Sonderurlaub.“

Liebig mag das Leben der Soldaten nicht gefährdet haben. Sein eigenes hat der Reporter am Montag in Ausübung seines Berufs verloren.

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