Medien : Der tote Stalin und der Küchentisch

In der glänzenden ZDF-Produktion „Der Aufstand“ zeigt sich der wahre Wert des Dokudramas

Barbara Sichtermann

Nach den beiden Spielfilmen „Tage des Sturms" (MDR) und „Zwei Tage Hoffnung" (WDR/SWR), die des 17. Juni 1953 schon im Mai gedachten, zeigt heute das Dokudrama „Der Aufstand" (ZDF), was es als urtypisches TV-Format zu bieten hat. Das Problem: TV-Movies wollen Geschichten erzählen, sie setzen beim Einzelfall an. Sie brauchen also einen (meist fiktiven) Alfred, einen Helmut, aus dessen Perspektive die Ereignisse abrollen und beim Zuschauer ankommen. Das Dokudrama will auch eine Geschichte erzählen. Aber es darf den ganz persönlichen Helmut-Ton zugunsten des großen Gemurmels der Archive aufgeben, es darf einen geschichtlichen Zugang eröffnen – wobei die mit der Ich-Perspektive wegfallende Spannung durch den Thrill der historischen Aufnahmen und der Zeitzeugen-Statements ersetzt und – wenn es gut geht – überboten wird.

Bei der Produktion „Der Aufstand" ist es gut gegangen. Großes Lob gebührt dem gescheiten und geschickten Buch und der energischen Regie (beides: Hans-Christoph Blumenberg) sowie den Leistungen der Schauspieler/innen (Jürgen Vogel, Stefanie Stappenbeck, Uwe Bohm und viele andere), die sich ja ihren „in echt" auftretenden Alt-Alter-Egos gewachsen zeigen mussten. Reine Bewunderung verdient das Gleichgewicht, das zwischen „Doku" und „Drama" erreicht wurde, bei den Übergängen zwischen den drei Elementen Archivmaterial, Spielszenen und Zeitzeugen-Spots. Wenn man an die Anfänge des Fernseh-Formats zurückdenkt, als die Spielszenen durch verzweifelte Ähnlichkeitsarbeit an den Figuren, den Gesichtern und Szenenbildern noch geradezu darum gefleht hatten, ernst genommen zu werden, so kann man nur staunen, wieviel inzwischen durch Versuch und Irrtum gewonnen wurde. Das Dokudrama ist aus den Kinderschuhen rausgewachsen und hat sich als nun nicht mehr prekäre, genuine Fernsehform etabliert. Hierbei sind, was Zeitgeschichte und die Verschränkung von Archivmaterial und Zeugen-Interviews betrifft, die Leistungen des allgegenwärtigen Guido Knopp, der auch beim „Aufstand" redaktioneller Betreuer war, gewiss nicht zu unterschätzen.

Es ist ja so: Die erzählte Geschichte vom 17. Juni, die mit Alfred oder Helmut beginnt und aufhört, geht uns nahe und regt uns auf, aber sie lässt – gezwungenermaßen – auch immer sehr viel weg. Sie sucht sich das Wesentliche zusammen und verwebt es mit ein paar Einzelschicksalen, was bei „Tage des Sturms" und „Zwei Tage Hoffnung" auch nicht schlecht gelang. Dennoch: Geschichte wird im TV-Movie immer verengt, manchmal so sehr, dass sie nur noch wie ein Aufhänger wirkt. Anders beim Dokudrama.

Hier kann der Bogen viel weiter geschlagen werden, zeitlich und räumlich, hier sind Bezüge und Kontexte rekonstruierbar und beleuchtbar, die beim Movie zurücktreten müssen, die aber in der Historie entscheidend waren.

Beispiel: Stalin. Im Spielfilm kann er genannt werden, mehrfach sogar durch den Namen der Straße, die 1953 gerade im Sowjet-Zuckerbäckerstil neu errichtet wurde und deren Bauarbeiter zum Streik schritten. Mehr ist aber nicht möglich. Das Dokudrama kann viel weiter gehen. Es beginnt – ein Paukenschlag – mit Stalins Tod 1953, ja an seinem Totenbett, mit der klandestinen Minikonferenz der Politbüro-Oberen, die dieses Bett umstehen und beschließen, die Ärzte nicht zu rufen. Damit ist auf Anhieb klar, in was für ein geschichtliches Koordinatenkreuz der Aufstand am 17. Juni einzutragen ist. Alles ist aufgerufen: die Konkurrenz unter den KPdSU-Strategen, ihre imperialen Gelüste, die Abhängigkeit der DDR, die schwache Stellung Ulbrichts, das ideologische Gezerre, kurz: die Weltpolitik in der Nachkriegsära, das große Ost-West-Kräftemessen. Auch das Movie kann ordentlich Politik in seine Individualgeschichte schaufeln, und das ist bei den beiden ARD-Produktionen auch geschehen, aber irgendwann brechen sich die historischen Wellen immer an einem Küchentisch – während das Dokudrama auf den Küchentisch keineswegs zu verzichten braucht, darüber hinaus aber den aufgebahrten Stalin zeigen kann. Die besondere Spannung, mit der Archivmaterial, das historische Wendepunkte spiegelt, immer aufgeladen ist, sorgt dann dafür, dass die Rührung, die Movies mit ihren Liebes- und Familiengeschichten auslösen, durch die befriedigte Neugier im Info-Sog kompensiert wird. „Der Aufstand" hat dies und mehr geleistet: Er hat durch ein enormes Aufgebot an Alt-Zeugen die graumelierte Geschichte unmittelbar ins Hier und Jetzt gestellt und sie so frisch getönt.

Im Übrigen: TV-Movies könn(t)en auch im Kino laufen und sind auch oft so konzipiert. Dokudramen sind (noch) eine Spezialität des Fernsehens. Schon deswegen hat die Fernsehkritik für sie ein besonderes Interesse – das sich zur Vorliebe steigert, wenn das Format so glänzend realisiert wird wie im „Aufstand".

„Der Aufstand“: 20 Uhr 15, ZDF

„Der Aufstand – Die Diskussion“: 22 Uhr 30

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