Medien : Der Totmacher

ARD-Film über Josef Blösche, SS-Mann im Warschauer Ghetto

Antje Kraschinski

Der zum Tode Verurteilte betritt einen fensterlosen Raum. Seine Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Schnell und leise tritt von hinten der Henker heran. Mit einer schallgedämpften Pistole schießt er dem Verurteilten in den Hinterkopf. Josef Blösche, einer der meist gefürchteten SS-Männer im Warschauer Ghetto und hundertfacher Mörder, ist sofort tot. So beschreibt der Film „Der SS-Mann Josef Blösche – Leben und Sterben eines Mörders" (23 Uhr 30, ARD) dessen Hinrichtung im Juli 1969 in Leipzig. Blösche war nur eines von vielen Rädchen in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis. Blösche ist aber auch der SS-Mann, der auf dem bekannten Foto aus dem Warschauer Ghetto mit der Maschinenpistole auf einen kleinen, angsterfüllten Jungen zielt. „Die Menschen begannen zu rennen, wenn er die Straße entlangkam“, erinnert sich der Ghetto-Überlebende Sol Liber. „Er hatte immer einen Grund, dich zu töten: Deine Schuhe waren nicht richtig geschnürt, deine Hosen nicht gerade genug. Er konnte nicht ins Ghetto kommen, ohne einige Menschen umzubringen.“

In der 45-minütigen Dokumentation versucht WDR-Redakteur Heribert Schwan den Lebensweg von Josef Blösche zu rekonstruieren. Bei Recherchen über NS-Verbrecher in der DDR war er zufällig auf die Stasi-Akten zum Fall Blösche gestoßen. Denn nach dem Krieg lebte der ehemalige SS-Unterscharführer über 20 Jahre als fleißiger Bergmann und Familienvater in einem thüringischem Dorf. Obwohl er nicht einmal seinen Namen geändert hatte, blieb er unbehelligt. Vielleicht, weil sein Gesicht nach einem Unfall in einer tschechischen Grube entstellt war. Niemand erkannte in ihm den SS-Mann von den berühmten Fotos. Erst als die Hamburger Staatsanwaltschaft einen Tipp erhielt und Haftbefehl erließ, wurden auch die DDR- Behörden auf Blösche aufmerksam.

Aufgewachsen im Sudetenland, engagiert sich der Gastwirtsohn früh als Saalschützer für die nazistische Henlein-Partei. Nach einer Ausbildung zum Grenzpolizisten wird er im August 1941 in besetzten sowjetischen Gebieten eingesetzt. Erstmals beteiligt er sich an Massenerschießungen, begeht Kriegsverbrechen auf Anordnung. Als er zur Gestapo ins Warschauer Ghetto kommt, ist er bereits ein gut ausgebildeter Mörder.

Der Film trägt eine Menge Material zusammen. Bisher unveröffentlichte Aufnahmen aus dem Ghetto werden gezeigt. Überlebende kommen zu Wort und Vertreter der DDR-Staatssicherheit, die für die juristische Aufarbeitung verantwortlich waren. Zwei Wissenschaftler beurteilen die Persönlichkeit des Massenmörders. In einem sind sich alle einig: Blösche war ein rassistischer Sadist, so wie viele andere SS-Schergen. Warum – das beantwortet auch dieser Film nicht.

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