Medien : Der Ungehorsame

WDR-Doku über den Kölner Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll, der vor 20 Jahren gestorben ist

Thomas Gehringer

Sich auf einen Stock stützend, wandert Heinrich Böll mühsam über den Feldweg in der Nähe der Raketenstation Mutlangen. Es ist eines der letzten Bilder, die es von ihm gibt, aufgenommen im Herbst des Jahres 1983. Der alternde Literatur-Nobelpreisträger mischt sich unter die jungen Blockierer der Raketenstation – den zivilen Ungehorsam pflegte der Kölner Schriftsteller wie seine Muttersprache.

Als Heinrich Böll jung war, wurde ihm das Gehorsamsein als Soldat der deutschen Wehrmacht gründlich verleidet. „Ich hasse die Hölle der Uniform”, zitiert ihn Wilhelm von Sternburg in seinem biografischen Dokumentarfilm „Heinrich Böll – Ein anderer Deutscher“, der eine Hommage vor allem an den politisch engagierten Zeitgenossen Böll geworden ist. Das Trauma des Krieges, der „wirklich und tatsächlich das Grauen“ gewesen sei, hat Böll geprägt, bis zuletzt. Vor 20 Jahren, am 16. Juli 1985, starb er 68-jährig in Langenbroich/Eifel.

Wilhelm von Sternburg zählt Bölls literarische Marksteine brav auf und erläutert kurz die Bedeutung der Romane „Billard um halb zehn“ (1959) und „Ansichten eines Clowns“ (1963) für die deutsche Nachkriegsliteratur. Das ist für Bücherliebhaber ein bisschen dürftig. Der Autor sagt, er wolle nicht nur die intensiven Leser erreichen. Auf weitere Zugeständnisse an das TV-Volk verzichtet er allerdings. Nicht einmal Ausschnitte aus der bekanntesten Verfilmung eines Böll-Romans, aus „Die verlorene Ehre der Katharina Blum” (1974), sind zu sehen. Dagegen begleiten Bilder vom zerstörten Köln und vom kargen Irland den Streifzug durch das Leben des rheinischen Katholiken, der beharrlich auf Demokratie und Menschenrechte pochte. Leider rutscht die Stimmung in Verbindung mit der melancholischen Klaviermusik gelegentlich ins Trübsinnige ab, was dem Humor und der sanften Ironie Bölls nicht ganz entspricht.

Scharf missbilligt Wilhelm von Sternburg die Kampagne gegen Heinrich Böll als vermeintlichen „geistigen Urheber“ des Linksterrorismus der siebziger Jahre. „Die Diskriminierung hat auf jeden Fall zu seinem frühen Tod beigetragen. Deswegen gibt es auch keinen Frieden mit der Springer-Presse”, zitiert von Sternburg Böll-Sohn René. Außerdem kommen Heinrichs Neffe Viktor Böll, Günter Grass, Christa Wolf und Verleger Reinhold Neven DuMont zu Wort. Am Samstag, dem Todestag Bölls, wiederholt 3sat die Dokumentation und sendet ein Interview von Sternburgs mit Günter Grass.

„Heinrich Böll – Ein anderer Deutscher“, WDR, 22 Uhr 30

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