Medien : Der verkaufte Sohn

„Schwabenkinder“: Jo Baiers trauriger Heimatfilm über das karge Leben in den Bergen

Thilo Wydra

Es sieht so idyllisch aus, das Leben früher in den Bergen. Dass dies ein Trugschluss ist, weiß man spätestens seit dem „Schwarzwaldhaus“, der preisgekrönten Dokumentarfilm- Serie, in der die ARD eine Berliner Familie auf Zeitreise schickte und einen Bergbauernhof mit den Methoden von 1902 bewirtschaften ließ. Doch in den Alpen waren die Menschen teilweise noch ärmer als die Versuchsfamilie Boro. So arm, dass alles Schuften, alles Hungern nichts half, dass die Menschen sogar ihre Kinder verkaufen mussten. Genau davon handelt heute Abend der Film „Schwabenkinder“ (ARD, 20 Uhr 15). Er dreht sich um ein bisher wenig bis gar nicht behandeltes Kapitel deutsch-österreichischer Geschichte: Viele tausend Kinder wurden noch bis zum Ersten Weltkrieg regelrecht versklavt und auf Bauernhöfen im Schwäbischen zu schweren Arbeiten herangezogen und dabei misshandelt.

„Schwabenkinder“ beginnt in einem abgelegenen kleinen Tiroler Bergdorf am Ende des 19. Jahrhunderts. Tobias Moretti spielt die Hauptrolle. Er spielt einen Mann mit einem Beruf, dessen Bezeichnung man heute nicht mehr kennt: Kooperator. Er sammelt bei den Bergbauern die Kinder ein, die sie nicht mehr versorgen können. Er führt sie in einer langen, beschwerlichen Reise durchs Gebirge, um sie dann auf dem Kindermarkt in Ravensburg zu verkaufen.

Ein armer Bauer (Vadim Glowna) aber will seinen kleinen Jungen Kaspar (Thomas Unterkircher) nicht hergeben. Doch als seine Frau unter einer Lawine begraben wird, drängt der Pfarrer den Vater, seinen Jungen doch mit nach Ravensburg zu schicken. Schließlich bräuchte er das Geld. Und dann überlegt er es sich, handelt dabei gegen sich selbst und gegen seinen Jungen. Er weint viel, auch als der Tag kommt, an dem der Kooperator den Jungen abholt. Kaspar läuft nochmal schnell rüber zum Friedhof und betet zur Mutter. Vielleicht ahnt der Junge da schon, dass sie sich erst zwei Jahrzehnte später wiedersehen werden – im Jahre 1908, als er schon 30 und Journalist in Chicago ist. Sie sehen sich nur kurz, denn der Vater liegt im Sterben. Kaspar kommt völlig überraschend auf dem Bauernhof an, die Schwester kann es kaum fassen. Da erzählen sie sich noch einmal von damals, und der reuige Vater meint, er hätte ihn nicht gehen lassen dürfen, aber es ist längst schon zu spät für alles…

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“ – die leitmotivische Verszeile aus Wilhelm Müllers Gedichtzyklus „Winterreise“, von Schubert vertont, umschreibt trefflich, was auch Regisseur und Autor Jo Baier („Der Laden“) in seiner jüngsten Arbeit erzählt: Vom Fremdsein, vom Unbehaustsein, vom Wandern zwischen den Welten, vom Ausziehen, um schlussendlich doch zurückzukommen, wenngleich auch nur für kurze Zeit. Fremdheit, das ist überhaupt ein Sujet des Münchners Baier – gerade etwa in dem meisterlichen Walter-Sedlmayr-Psychogramm „Wambo“ (2001) oder zuletzt in „Verlorenes Land“ (2002) mit Martina Gedeck.

Fremd ist auch dieser Kaspar, von dem bereits Elmar Bereuter in seinem Roman „Die Schwabenkinder – Die Geschichte des Kaspanaze“ erzählte. Jo Baier hat einen ambitionierten und handwerklich wie stets solide und souverän gestalteten Heimatfilm daraus gemacht. Doch gelingt es ihm diesmal nicht durchgehend, den dramaturgischen Spannungsbogen zu halten. Viel zu lang etwa ist der Gang durch die winterlichen Berge geraten, durch die Tobias Moretti als geradezu fürsorglicher Kinderfreund die zukünftigen Sklaven führt. Und viel zu kurz ist Kaspars weiteres Schicksal beleuchtet, sein Entkommen beim „Saubauern“ Steinhauser, seine Liebe auch zu einem der Mädchen.

So nah und dicht, wie zum Beispiel bei dem von Jürgen Tarrach gespielten Sedlmayr-„Wambo“, geraten die Figuren bei „Schwabenkinder“ nicht, und das ist schade. Das macht auch die allzu oft einsetzende, zu pathetisch anmutende Musik des Münchner Komponisten Enjott Schneider nicht wett, die diesen – trotz allem – wichtigen Film schlicht zu sehr dominiert.

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