"Der verlorene Vater" : Mein Sohn, meine Tochter

Der Arte-Fernsehfilm "Der verlorene Vater" zeigt, wie Kinder zwischen eine alte und eine neue Beziehung geraten – und leiden.

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Familienglück? Elke (Ulrike Krumbiegel) verliebt sich in Arndt (Edgar Selge), der bereits zwei Kinder (Louis Hofmann und Paraschiva Dragus) mit seiner Noch-Ehefrau hat. Foto: Arte
Familienglück? Elke (Ulrike Krumbiegel) verliebt sich in Arndt (Edgar Selge), der bereits zwei Kinder (Louis Hofmann und...Foto: © WDR/Thomas Kost

Zwei Menschen jenseits der 40, die gemeinsam einen neuen Anfang wagen. Arndt Salzbrenner (Edgar Selge) war Museumsleiter. Nachdem ihm gekündigt wurde, versucht er sich nun mehr schlecht als recht als freiberuflicher Kulturmanager. Mit seiner Ehefrau lebt er in Trennung. Aber er ist wieder verliebt: Für Elke Hagestedt (Ulrike Krumbiegel) bedeutet die anfangs heimliche Beziehung zu Arndt neue Hoffnung. Ihr erster Mann hatte sie verlassen, danach zog sie in eine andere Stadt, wo „die Träume jetzt mal zu mir kommen sollen“, sagt die scheue, nicht sehr selbstbewusste Verwaltungsangestellte. Hier der verunsicherte, mal schwer gebeugte, dann wieder überschwängliche und aufbrausende Mann, dort die einsame, verletzte Frau, die dem Leben trotzig noch ein bisschen Glück abringen will – wie Selge und Krumbiegel dieses Mittelschichtspaar in der Mitte des Lebens spielen, macht den Arte-Fernsehfilm am Freitag allein schon sehenswert.

Die schmerzliche, genaue Zeichnung der beiden Protagonisten des Films (eine besondere Kunst von Autor Daniel Nocke) ist das eine. Doch „Der verlorene Vater“ bewegt sich gewissermaßen zwischen zwei Polen, erzählt sowohl eine Liebes- als auch eine Trennungsgeschichte. Ruhig und konzentriert von Hermine Huntgeburth („Effi Briest“, „Teufelsbraten“) inszeniert, werden die Zuschauer bis hin zum verstörenden Finale in ihrer Sympathie für die Figuren immer wieder verunsichert, mal angezogen, mal abgestoßen. Wo liegt die Wahrheit im Ehekrach, im Streit um die Kinder? Wer weiß das schon, auch im richtigen Leben.

Arndt Salzbrenner ist geradezu wild entschlossen, seinen beiden Kindern trotz der Trennung von seiner Frau Bettina (Jeanette Hain) ein guter Vater zu sein. Aber im Konflikt mit seiner Noch-Ehefrau verliert er leicht die Beherrschung. Da kennt er nur Schwarz und Weiß und erwartet von seiner neuen, selbst kinderlosen Partnerin Elke bedingungslose Unterstützung. Gegen Kritik ist er gefeit, gegen Selbstmitleid weniger. Die Sorge, dass Bettina ihm den Umgang mit seinen Kindern so weit wie möglich erschweren möchte, erscheint allerdings nicht unberechtigt. Sie sei Alkoholikerin, sagt er. Als Elke sie aufsucht, trinkt Bettina wirklich. Was stimmt, was nicht? Der Film lässt vieles offen und ist gerade deswegen glaubwürdig. Klar ist nur: Die beiden Kinder sind die Opfer und geraten zunehmend zwischen die Fronten. Elke begegnen sie, wen wundert’s, abweisend. Das Familiendrama spitzt sich zu, als Arndt beschließt, seine Kinder zu sich zu holen, zur Not durch eine Entführung. „Der verlorene Vater“ entfaltet auf beklemmende Weise den Schrecken, den Kinder manchmal im Trennungsstreit ihrer Eltern erleben.

Es ist in diesen Tagen viel die Rede von misshandelten Kindern, von regelmäßigen Züchtigungen, gar von sexueller Gewalt durch Priester oder Lehrer, also von Erwachsenen, die doch als besonders vertrauenswürdig gelten sollten. Die wichtigsten Bezugspersonen von Kindern sind allerdings ihre Eltern, von „Urvertrauen“ spricht man in der Psychologie. Ohne damit nun das eine gegen das andere aufrechnen zu wollen, darf man den Film durchaus als Erinnerung daran verstehen, dass Kindern bisweilen auch im familiären Umfeld Gewalt angetan wird. Sogar, wenn die Eltern besten Willens sind. Thomas Gehringer

„Der verlorene Vater“, Freitag, Arte, um 20 Uhr 15

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