Medien : Der Vorleser

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Seit Montag geht er im Radio um: der egozentrische Großkritiker André Ehrl-König, der Held aus Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“. Tagelang fristete dieser Ehrl-König ein Schattendasein in Zeitungsspalten und Feuilleton-Redakteurs- Hirnen – nun bringt das Deutschlandradio Berlin auch den Rest der lesenden Menschheit auf den neuesten Stand der Dinge.

Von Montag bis Freitag liest der Meister höchstpersönlich aus seinem so genannten Skandalroman, morgens im Deutschlandradio (10 Uhr 40). Zur Erinnerung (falls das nach dem Walser-Medienhype noch nötig sein sollte): Seitdem „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher das Manuskript von Walsers Roman in einem großen Leitartikel als Vorabdruck des Suhrkamp-Verlages ablehnte, weil es angeblich antisemitische Tendenzen enthält, ist das Buch, das erst am 26. Juni erscheint, in aller Munde.

Nun auch wieder in dem von Martin Walser. 153 Seiten in fünf Mal 15 Minuten – das müssten der Vorleser und sein Tontechniker schaffen. Dann kann man sich im Radio selbst ein Bild davon machen, wie groß die Ähnlichkeiten zwischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicky (Realität) und Literaturkritiker André Ehrl-König (Buch) sind. Eins scheint jetzt schon klar zu sein: „Das Interesse der Medienwelt ist größer als das der Hörer“, so Karl-Heinz Stamm, Sprecher vom Deutschlandradio. Nur drei Hörer hätten im Sender angerufen – keiner hat sich über den Roman aufgeregt. Vielleicht wird sich das heute nacht ändern. Da lässt Vorleser Walser seinen Kritiker im Fernsehen sterben (ARD, 0 Uhr 40).

„Was Leser heute brauchen, ist eine unmissverständliche, fast ultimative Aufforderung, ein Buch jetzt oder nie zu lesen“, sagt der Schriftsteller Bodo Kirchhooff in einem „Welt“-Interview. Walsers Lesung zur rechten Zeit gibt es auch als Audiofile im Internet. meh

Im Internet:

www.dradio.de

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