„Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte“ im ZDF : Alles andere als ein Musikfilm

Im Geist von Visconti - das ZDF macht aus dem Wagner-Clan ein Schauspielerfest mit einem prachtvollen Bilderreigen.

Jörg Seewald
Was Mutter Cosima nicht wissen darf: Sohn Siegfried (Lars Eidinger, vorne) liebt Dorian Davies (Vladimir Burlakov).
Was Mutter Cosima nicht wissen darf: Sohn Siegfried (Lars Eidinger, vorne) liebt Dorian Davies (Vladimir Burlakov).Foto: Hannes Hubach/ZDF

Die Fans von Richard Wagner werden leichtes Spiel haben. Sie werden den ZDF-Film „Der Wagner-Clan“ als „Machwerk“ verdammen, weil die 110 Minuten mehr über die persönlichen Abgründe, die Grausamkeit von Wagners Frau Cosima und die schwächliche Natur von Wagners homosexuellem Sohn Siegfried erzählen als über die Magie der Musik. Was sie trotzdem sehen, ist ein filmischer Leckerbissen, eine Produktion, die in ihrer lasziven Opulenz ihresgleichen sucht, einfach weil sich hier eine Elite der deutschen Schauspieler versammelt hat, um unter der Regie der eher namenlosen Regisseurin Christine Balthasar zu glänzen. „Ein wildes Stück“ nennt ZDF-Filmchef Reinhold Elschot halb stolz, halb entschuldigend den „Clan“.

Dabei beginnt der Film denkbar unvorteilhaft. Mithilfe der inflationär eingesetzten Computeranimationen zoomt die Kamera in einen venezianischen Palast von 1883, in dem Richard Wagner (Justus von Dohnanyi) zu den Klavier-Klängen von Liszt seine letzten Atemzüge tut. Seine Frau Cosima (Iris Berben) ruft die Kinder zusammen und nimmt ihnen ein heiliges Gelübde ab, dass sich alle dem Vermächtnis des Vaters unterzuordnen haben. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Denn mit dem Schwur als Unterpfand wird Cosima immer wieder in das Leben ihrer drei Kinder eingreifen und dafür sorgen, dass keines glücklich wird. Dass sie sich auch bis zu ihrer pilcheresken Sterbeszene selbst verleugnet, macht die selbstsüchtige Erziehung der Kinder auch nicht besser. Balthasar erzählt die Geschichte dieses Clans nicht chronologisch. Eher assoziativ reiht sie einen prachtvoll ausgestatteten Bilderreigen aneinander, der den Charakter von Eva (Eva Löbau), Isolde (Petra Schmidt-Schaller) und Siegfried Wagner (Lars Eidinger) erschließt.

Egal welche Tochter, Hauptsache Wagner

Natürlich geht es um die Deutungshoheit von Wagners Erbe, das Cosima mit einem gefälschten Testament für sich reklamiert und in Folge genau beobachtet, welcher Sprössling in Zukunft das Zeug zum Erbverwalter haben mag. Sie merkt, dass der schwärmerische Siegfried eher zu weich ist, aber verstößt zunächst die rebellische Isolde, die sich mit dem nicht standesgemäßen Dirigenten Franz Beidler (Felix Klare) einlässt. „Wir Wagners sind eine große Familie. Da sind Aristokraten standesgemäß“, lautet ihre pragmatische Begründung. Später wird sie sich wieder mithilfe des gefälschten Testaments sogar der fähigsten Tochter gerichtlich entledigen: Isolde sei gar nicht das Kind von Richard Wagner. Wie die schwindsüchtige Isolde dann ihr Leben an Krankheit und Morphium verliert, und vom Mann verlassen einsam in München stirbt, das allein wäre schon den Film wert. Aber da ist ja noch Heino Ferch, der die Chance wahrnimmt, ganz neue Facetten zu offenbaren als Houston Chamberlain, einem Brieffreund Cosimas, der, als er bei Isolde nicht landen kann, eben die andere Wagnertochter Eva ehelicht – Hauptsache Mitglied bei den Wagners.

Auch dieser katzbuckelnde, aber doch zuweilen liebenswerte Untertan in der Charakterstudie Heino Ferchs ist das Hinschauen wert. Und dabei hat man noch gar nicht von der Leistung Lars Eidingers gesprochen, der den schwulen Siegfried niemals verrät und ihm tadziohafte Züge verleiht wie in Luchino Viscontis Film „Tod in Venedig“. Die Liebesszenen mit Vladimir Burlakov, der Siegfrieds große Liebe spielt, sind von jener Unschuld und Schwülstigkeit, die jederzeit Gefahr laufen abzustürzen. Aber Eidinger meistert diesen Drahtseilakt bravourös. „Ich habe sogar zum Schminken ein Bild aus einem Visconti-Film mitgebracht“, sagt Eidinger, „ich hatte Visconti-Filmbilder im Kopf, als ich diesen Siegfried spielte. Gut, wenn man das auch merkt.“

"Onkle Adolf" lauscht "Rienzi"

Für Produzent Oliver Berben war es zunächst undenkbar gewesen, einen Wagner-Film zu drehen. Erst die Biografie des Engländers Jonathan Carr „Der Wagner-Clan“, die ihm sein Kollege Gero von Boehm in die Hand drückte, brachte ihn zum Umdenken. Drehbuchautor Kai Hafemeister begriff laut Berben schließlich die Aufgabe, „nur kein Biopic zu schreiben, sondern in einer unterhaltsameren Form. Ohne Hafemeister würde es diesen Film nicht geben“, der ausdrücklich „kein Musikfilm ist“, wie Berben betont.

Auch wenn „Onkel Adolf“ zu den Klängen von „Rienzi“ am Ende vor der Tür der Wagners steht, habe man Musik nur „punktuell“ eingesetzt und dann eben sehr stark, sagt Berben und schildert, wie der musikalische Anteil im Film dahinschmolz. „Wir hatten in den ersten Rohschnitten viel mehr Wagnermusik. Aber das hat dich fast erschlagen. Dann wirkt der Film einfach nicht mehr so.“

Wie gesagt: Kein Film für Wagner-Fans, eher eine Chance für die vielen, die wie Iris Berben Vorbehalte gegen Wagners Gedankenwelt hegen, „das eigene Halbwissen zu überdenken“. Den Wissbegierigen, die mit den historischen Ungenauigkeiten von „Der Wagner-Clan“ nicht leben können, sei der anschließende Film von Gero und Felix von Boehm ans Herz gelegt: „Der Wagner-Clan – Die Dokumentation“ beleuchtet das weitere Schicksal der Familie Wagner.

„Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte“, ZDF, Sonntag, 20 Uhr 15

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