Medien : Der Wille zum Wohnen

Warum Deko-Soaps zum Fernsehtrend 2004 wurden

Hannah Pilarczyk

Was ist den Deutschen am wichtigsten im Leben? Laut Forsa-Umfrage: Familie, Gesundheit, Geld und Karriere. Laut Fernsehen: ungewöhnliche Bilderrahmen, raffinierte Hochsteckfrisuren, exklusive Springbrunnen. Dieser Eindruck drängt sich jedenfalls auf, wenn man in diesen Tagen zwischen elf und 19 Uhr den Fernseher einschaltet. Dann wird umgebaut, umgeräumt und umgestylt wie nie zuvor. „Deko“– oder „Styling-Soaps“ heißen die Ratgebersendungen, die sich 2004 auf fast allen Sendern breit gemacht haben.

Expertenteams kommen zu den Kandidaten nach Hause und krempeln dort wahlweise den Garten oder die Garderobe um. Fernsehkameras dokumentieren jeden Handgriff, zum Schluss wird noch einmal zusammengefasst, was sich verändert hat. Das tausendfach „Brigitte“-bewährte Verfahren – nun hat das Fernsehen das Vorher-Nachher-Prinzip entdeckt und vervielfacht.

Woher kommt dieser Beratungsbedarf? Tine Wittler muss es wissen. Sie moderiert „Einsatz in 4 Wänden“ auf RTL, und die Show ist im Oktober, was für diese Formate ungewöhnlich ist, mit dem Deutschen Fernsehpreis prämiert worden. „Wir kommen zu denen, die mit ihrer Wohnsituation unzufrieden sind, denen aber das Geld oder die Zeit fehlen, sie in Angriff zu nehmen“, sagt Wittler.

Gemeinsam mit ihrem Team aus Malern und Tischlern kommt sie in die Wohnung der Kandidaten und gestaltet nach deren groben Vorgaben („Soll heller wirken“, „Mehr Stauraum“) jeweils ein Zimmer um. Die Mittel sind einfach: für mehr mediterranes Wohngefühl wird das Wohnzimmer rot-gelb gestrichen, damit die Kinder kreativ werden können, wird im Kinderzimmer eine Kreidetafel aufgehängt. Auf jeden Fall wird aber gestrichen und mindestens die Hälfte der Möbel ausrangiert. „Wenn jemand unheimlich an einem Möbelstück hängt, das zwar potthässlich, aber mit Emotionen verbunden ist, dann übernehmen wir das auch in die neue Einrichtung“, sagt Tine Wittler.

Trotz der Rücksicht auf die Vorlieben der Bewohner sehen die neu gestalteten Räume aber immer sehr ähnlich aus: sehr bunt, sehr flächig, sehr schwedisches Einrichtungshaus. Doch die Kandidaten sind stets begeistert und weinen oft vor Freude. Wohnen wie im Möbelkatalog, geschmacklich endlich auf der sicheren Mainstream-Seite sein – vielleicht ist das ja das Erfolgsgeheimnis der neuen Ratgebersendungen.

Karl König, Ressortleiter für Information und Magazine bei Pro 7 und verantwortlich für die Sendungen „S.O.S. Style & Home“ und „Do it yourself S.O.S.“, ist da skeptisch. „Eine unserer erfolgreichsten Sendungen war die, in der wir eine Küche im ,Hello Kitty’-Design umgestaltet haben.“ Die Möbel wurden in quietschigen Bonbon-Farben gestrichen, die japanische Comic-Katze kam überlebensgroß an die Wand – sicherlich alles andere als mehrheitsfähig. „Die Menschen wollen sich heutzutage in ihrer Wohnung persönlich verwirklichen“, glaubt König.

Grund sei das so genannte „Cocooning“-Phänomen: Aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheiten würden die Menschen weniger reisen und sich lieber in ihre eigenen vier Wände zurückziehen. Zum Refugium aufgewertet müsse die Wohnung noch stärker als bisher die Individualität ihres Besitzers widerspiegeln. Jede Anregung seitens des Fernsehens werde deshalb begrüßt – Hauptsache, sie ist einfach und günstig. Denn zum Gefühl von ökonomischer Unsicherheit gehört auch, dass die Menschen eher in den Baumarkt als ins Möbelhaus gehen.

Zwei bis drei Jahre wird die Begeisterung für Do-it-Yourself noch andauern, das jedenfalls sagen Trendforscher. Und was passiert bis dahin in den Dekosoaps? „Möbel vom Flohmarkt restaurieren und Wohnen im Lounge-Stil sind die kommenden Themen“, sagt König.

Auf ganz Altbewährtes setzt man hingegen beim ZDF. „Schick & Schön“ ist eine klassische Voher-Nachher-Show, bei der Moderatorin Andrea Ballschuh und Stylist Uwe Schiechel zusammen mit den Kandidatinnen das richtigen Outfit für übergewichtige Frauen oder das passende Styling fürs Bewerbungsgespräch aussuchen. Wichtiges verändert hat – zum Beispiel der Freund weg ist“, meint Ballschuh. „Wir bringen hoffentlich auch andere Frauen auf die Idee, mal etwas Neues zu wagen“, sagt Ballschuh. Mindestens eine Frau hat durch die Show schon Neues gewagt: Nach der dritten Sendung hat sich Andrea Ballschuh die Haare abgeschnitten.

Aber wird auch sonst alles, was zur Nachahmung empfohlen wird, von den Zuschauern umgesetzt? Der Autor Ullrich Fichtner („Tellergericht – Die Deutschen und das Essen“) hat sich mit Kochshows, dem letzten großen Trend vor den Deko-Soaps, beschäftigt und ist zu dem Schluss gekommen: „Die Kochsendungen fördern das Kochen offenkundig nicht – sie ersetzen es.“ Für Deko-Soaps gibt es noch keine Erkenntnisse. Aber unwahrscheinlich ist es nicht, dass es statt „Wohnen nach Wunsch“ (Vox) eher beim Wunsch nach Wohnen bleibt.

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