Medien : Der Zar der Potsdamer Straße

Dimitri Feldman hat sich in Berlin ein kleines russischsprachiges Medienimperium aufgebaut

Amory Burchard

Das Büro: bescheiden. Ein Aquarium im goldenen Rahmen, sonst funktionale Resopal-Möbel. Erstaunlich bescheiden, das Büro, wenn man bedenkt, dass dem Mann, der hier arbeitet, ein kleines Medienimperium gehört: die Zeitung „Russkaja Germanija“ mit der Hauptstadtausgabe „Russkij Berlin“, der Verlag ReLine, die Agentur RusPres für Texte und Bilder aus Russland. Außerdem eine russische Theaterkasse und – seit zwei Wochen – der russischsprachige Sender Radio Russkij Berlin. Dimitri Feldman versorgt von seiner Zentrale in der Potsdamer Straße aus die 130 000 Berliner Russen mit Informationen, Kultur, Meinungen.

Feldman sitzt an seinem Schreibtisch. Groß ist er, schlaksig, trägt einen kurz geschnittenen Vollbart. Ein Erfolgsmann – trotz Medienkrise. Feldman winkt ab. Er wolle zufrieden sein mit dem, was er aufgebaut habe. Aber: „Das große Geld wird in Moskau verdient.“ Wenn schon nicht um Geld, dann muss es ihm doch um Macht gehen. Er muss ziemlich mächtig sein, oder? Auch das hört Feldman nicht gern, spricht lieber von Verantwortung: Er habe Verantwortung für 80 festangestellte Mitarbeiter.

1990 ist er mit seinem Bruder nach Deutschland gekommen, in die DDR. Feldman stammt aus Riga. Bauingenieur hatte er studiert, der Bruder arbeitete als Journalist. In Lettland hatten beide schon eine Werbeagentur. In Berlin fingen sie als Import-Export-Kaufleute an, lieferten deutsche Margarine nach Russland. Aber es blieb der „Traum“, sagt Feldman, vom eigenen Verlag. 1996 gründeten die Brüder die Wochenzeitung „Russkij Berlin“. In den 80ern und 90ern waren viele Russen in die Stadt gekommen: vor allem russische Juden und Russlanddeutsche. Das Glück der Feldmans war wohl, dass Deutsch für Russen so schwierig zu lernen ist. „Russkij Berlin“ erklärt die deutschen Behörden und berichtet von der russischen Politik – in der Heimatsprache. Welche politische Richtung das Blatt verfolgt, ist schwer auszumachen: Die Kritik am deutschen Sozialabbau ist deutlicher als die an Putins autoritärem Regierungsstil.

Außerdem veranstaltet Feldman Konzerte und Partys in der Urania, im Tempodrom und Metropol. Für die jungen Russen, sagt er. Es hat sich mittlerweile eine russische Community in Berlin gebildet – die macht das Anzeigengeschäft von „Russkij Berlin“ krisensicher. Die Zeitung hat einen großen privaten Anzeigenteil: „Suche guten Mann, biete Couchgarnitur.“ Außerdem werben in ihr russische Reisebüros und deutsche Busunternehmer für Kurztrips in Europa, russischstämmige und deutsche Schönheitschirurgen und die ersten Fertighausanbieter.

Ein Problem hat Feldman doch: „Die Jugend kann die kyrillische Schrift nicht mehr lesen.“ Sie kann Russisch nur noch sprechen. Für die hat er nun das Radio gegründet. Wer kennt in Berlin schon russischen Pop? Radio Russkij Berlin spielt ihn neun Stunden am Tag, dazwischen Nachrichten. „Die Jungen“, sagt Feldman, „lieben die neue Musik aus der Heimat.“

Feldmans Arbeitspensum kann man mit dem von Georg Gafron in seinen besten Zeiten vergleichen, der mal „Hundert,6“, die „BZ“ und „TV Berlin“ gleichzeitig leitete. Offenbar ist Feldman noch nicht ausgelastet. Denn er ist Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Vizepräsident des Weltkongresses russischsprachiger Juden und Vorstandsvorsitzender seines europäischen Büros. Er muss nach Macht streben, bürdet man sich sonst so viel auf?

Er sei aus Engagement in der Jüdischen Gemeinde, sagt er – mit seiner Arbeit als Verleger habe das nichts zu tun. Nun ja, in der aktuellen Ausgabe von „Russkij Berlin“ gibt es einen ganzseitigen Aufruf von Feldmans Bündnis „Die richtige Alternative“ zur Wahl des jüdischen Gemeinderates. Sie ist nicht als Anzeige gekennzeichnet. Ist das in Ordnung für eine unabhängige Wochenzeitung? „Das ist Notwehr“, sagt Feldman, „es geht um das Wohl der Gemeinde“.

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