Medien : „Der Zieger aus der Kruppe“

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Von Heinz

Florian Oertel

Le Tour, das gewaltige Spektakel, kann auch zur „Tortour“ für die Reporter wachsen. Kann. Muss aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn sich Mikrofonmeister à la Lance Armstrong gleichfalls in meisterliche Form bringen. Doch da hapert’s. Immer wieder. Zu oft agieren die Profis nach dem Laienspruch „Rede, wie dir der Schnabel gewachsen ist“.

Im ARD-Quintett fungiert Jürgen Emig, alltags Sportchef beim Hessischen Rundfunk, als Primgeiger. Mithin muss dessen Kammertonvorgabe als besonders sauberes A gelten. Und das auch, weil von Emig die Formel kam, „Tour, das heißt für uns auch Kulturereignis“.

Nehmen wir ihn sowie Watterott, Boßdorf, Altig und Wüst – das ARD-Team also – beim Wort. Ebenso das ZDF-Quartett Cerne, Leissl, Pfeffer, Bölts. Für alle gilt: Drei Wochen Reportertätigkeit bedeuten Schwerstarbeit. Dem gilt Respekt. Aber, immer noch verheißt derlei Mammutschaffen eine sonst im Fernsehen und Radio selten gewordene Chance. Neben Olympia, Fußball-WM und Wimbledon kann sich hier der Reporter beweisen. Beim Marathon erkennt man nun mal mehr als beim 100-Meter-Lauf.

Selbstverständlich ist der Fernsehzuschauer dabei souverän. Ihm gefällt’s oder auch nicht. Zumeist pfeift er auch auf alle objektiven Kriterien. Kaum woanders wuchert so viel subjektives Bemessen wie bei der völlig öffentlichen Präsentation. Bitte, das ist so, und wird immer so bleiben. Allerdings muss sich jedoch ein Rest von Sachlichkeit, von unumstößlichen beruflich-speziellen Parametern behaupten. Ansonsten bräuchten wir im Fast-Food-Medienzeitalter nur noch Mülleimer aufzustellen.

Wieder beweisen alle Tour-Reporter fachliches Wissen. Mancher überfüttert uns gar mit Kenntnissen, die erstaunlich sind. Bravo. Nicht wegzuwischen bleibt aber: Das Wie bei dem Was ist mindestens genau so wichtig. Alle Vermittlungsfähigkeiten, voran der Sprachgebrauch und das Sprechen, qualifizieren den Mikrofonisten. Kann er’s, kann er’s nicht?

Sprecherziehung ungenügend

Lässt Emig bei Landschaftsbeschreibungen und Kulturergänzungen von Schlössern bis zum Käse sprecherische Maniriertheiten wie „Der Zieger kommt aus tieser Kruppe…“ aus dem Sack, wirkt das besonders ärgerlich und beweist: „Sprecherziehung ungenügend“. Ähnlich sträubt sich vieles bei kindlichen Verniedlichungen vom „Örtchen“ bis zum „Pünktchen“, die stets wiederkehren.

Herbert Watterotts Velo-Fachvolumen sprengt alle Normalvorstellungen. Sein Sprach- und Sprechvermögen stagniert dagegen unter Niveau. Sobald seine raue, untrainierte Stimme durchs Satzbaudickicht geistert, wird einem manchmal Angst und Bange.

Entspricht solches dem Gala-Ereignis? Immerhin zeigt sich am ARD-Himmel Morgenröte. Das Trio Boßdorf, Wüst, dazu Tour-Routinier Altig, könnte auf Dauer Besseres bieten. Überhaupt, Wüst (gleichfalls Ex-Radler), Bölts (Cerne-Partner beim ZDF): die Vermittlungslaien lassen vermeintliche Profis oft schlecht aussehen. Siehe anderswo Günter Netzer …

Indes, so vorrangig wichtig Reporter sind, glücklicherweise bedeuten sie nicht alles. Das demonstriert die Tour 2002 – erneut. Was alle Technik leistet, ist hervorragend. Kameraleute, die Frauen und Männer an den Mischpulten und Richtfunkmasten erfüllen nahezu alle Wünsche und Erwartungen. Solch Lob gilt auch für die meisten Redakteure. Deren Rückblicke, Porträts und Vorschauen dürfen sich nicht nur sehen lassen. Sie sind – meist – einfach gut. Sowohl bei ARD als auch beim ZDF. Peter Leissls Reportage-Kommentierungen fallen dazu am stärksten auf. Ihm, immer besonnen und souverän, aber deshalb nie langweilig, kommt dabei jahrelang trainierte Vielseitigkeit zu Gute. Bei der Leichtathletik und beim Ski-Langlauf sammelte der ZDF-Mann Erfahrungen, die alle anderen kaum aufweisen. Und Rudi Cerne, aufgeregt, unruhig, aber nie moderat, sollte sich an einstige Eiskunstlaufvorträge erinnern. Da ging es im Gesamtaufbau der Kür stets um Tempiwechsel, um laut und leise. Ähnliches gilt für jede Moderationsdramaturgie.

Wird daran in den Redaktionen gearbeitet? Am Sprecherischen? Wer überprüft Form und Formverlust? Wer erinnert Tag für Tag: Fernsehen (Radio auch, klar!) muss Kulturbestandteil bleiben, und alle, die dabei öffentlich tätig sind, müssen dafür arbeiten. Zuallererst an sich selbst.

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