Medien : Der Zwang zum Hinschauen

Das Moskauer Geiseldrama, römisches Todestheater und die moderne Medienwelt

Kerstin Decker

Etwas war anders diesmal. Terroristische Akte spielen mit der Aura Gottes. Sie machen blutigen Ernst mit ihr. Sie kommen als das Gericht, auf das man sich nicht vorbereiten kann, dem keiner entgeht. Sie zelebrieren sich als Jüngster Tag. Nun ist die Rolle Gottes in der modernen Welt schon besetzt – zumindest die des Auge Gottes. Auge Gottes der westlichen Gegenwart sind die Medien. Das Auge Gottes ist das Allgegenwärtige, das alles sieht, wenn möglich, ohne gesehen zu werden. Letzteres gelingt dem weltlichen Pendant noch nicht ganz – aber die Allmachtswirkung ist vergleichbar. Beinahe.

Dass die Moskauer Theater-Geiselnahme in einer Reihe mit den Anschlägen des 11. September steht, sagte Putin gleich. Er hatte gute Gründe dafür. Und sicher hat er Recht. Überall in der globalisierten Welt überlagern und verstärken sich die Wirkungen gegenseitig. Das Gefühl unmittelbar erlebter islamistischer Bedrohung bringt die einstigen Gegner Amerika und Russland unverhofft nahe. Dennoch war das Moskauer Szenario grundverschieden von allen terroristischen Anschlägen der letzten Zeit. Was sie unterschied, war die Rolle der Medien darin. Die Moskauer Geiselnahme machte ernst mit dem antiken Amphitheater. Es reaktivierte das römische Todestheater in seiner modernen Form. Und diesmal brauchte es die Medien nicht als ohnmächtige Kommentatoren danach, sondern schon als aktiven Part.

Der 11. September war eine Verhöhnung der modernen Medienwelt. Auge Gottes? Die ersten Bilder – reiner Zufall. Sie stammten von Privatkameras. Auch darum haben wir sie immer ansehen müssen. Weil wir nicht glauben konnten, was wir da sahen.

Vom Anfang der Moskauer Geiselnahme gibt es keine Bilder. Eine schwarz maskierte Frau mit Maschinenpistole stand plötzlich im Bühnenlicht des Theaters „Scharikopodschipnik". Ein besonderer Einfall der Musicalregie? Sonst landete jeden Abend – Höhepunkt des Musicals „Nord Ost“ – ein echter Bomber auf der Bühne. Wegen dieser Überschreitung hin zum „real thing“ strömten doch die Massen. Warum nicht auch mal eine Frau mit Maschinengewehr? Und wenn sie das ganze Theater zu Geiseln erklärt, ist das erst einmal ein Nervenkitzel im Stil der modernen Massenkultur.

Theater war nicht immer Theater. Im römischen Amphitheater, der ersten geschichtlichen Massenunterhaltung, war das Spiel grausamer Ernst. Die tschetschenischen Geiselnehmer wollten die Rückkehr des Amphitheaters. Sie kamen wie die römischen Gladiatoren – wenn man die menschenverachtende Feigheit abzieht, nicht kämpfen zu wollen, sondern 700 Wehrlose als Geiseln zu nehmen. Aber die Tschetschenen betraten die Arena, die Bühne, wie ihre römischen Vorgänger. Wir sind nicht gekommen, um zu überleben, sondern um hier zu sterben, haben sie gesagt. Der Sinn des römischen Theaters war die Ausreizung der allerletzten Differenz, die es zwischen Menschen gibt: zwischen den „Frühersterbenden und den Spätersterbenden“ (Peter Sloterdijk). Eine solche „Reality-Show“ hatten die tschetschenischen Geiselnehmer im Sinn. Je zehn Geiseln wollten sie nacheinander erschießen bis zur Erfüllung ihrer Forderungen. Aber macht ein solcher Aufschub Sinn ohne Publikum? In Moskau war die Verbindung der archaischen Welt des Amphitheaters mit der modernen Medienwelt zu ahnen. Der erste Schritt zur interaktiven Geiselnahme.

Jede Show bedeutet, die Regie selbst in der Hand zu halten. Nicht dem fremden Blick ausgeliefert sein, also nicht Objekt sein. Die tschetschenischen Geiselnehmer besaßen im Augenblick der Geiselnahme schon ihre Internetseite www.kavkas.org.tr . Selbstdarstellung statt Fremdblick, PR für die eigene Aktion und die Nachahmung durch andere. Der Sender Al Dschashira zeigte Videos über die maskierten schwarzen Frauen mit den Sprengsätzen um den Bauch. Bisher spielten Geiselnehmer und Terroristen mit der Hülle der Anonymität. Diese hier wollten, dass jeder wusste, wer sie sind. Individualität statt Anonymität. Und warum das Todestheater auf das Real-Theater begrenzen? Das moderne Theater ist die ganze Welt. Nichts anderes meint Globalisierung. So ist es im Grunde erstaunlich, dass die Attentäter nicht gleich ihre Fernsehkameras mitgebracht haben. Es hätte vieles verändert. Der Ruf „Nicht nachgeben!“ scholl aus allen Medien. Zum einen, weil kein Staat sich erpressen lassen darf, aber auch, weil Putin der falsche Mann zu irgendeiner Nachgiebigkeit gegenüber Tschetschenien wäre. Die Regie in der Hand zu halten, heißt, Herr über den Zeitplan zu sein. Hätten die Geiselnehmer die ersten Erschießungen live über das Fernsehen gesendet – die Losung „Nicht nachgeben!“ samt der Verfügung über den Zeitpunkt des Zugriffs wäre nichtig geworden. Die Folgen nicht absehbar.

Nach dem 11. September war die Rolle der Medien eine seit Urzeiten vertraute: unendlicher Kommentar zu einem unfassbaren Ereignis. Von Seiten der Attentäter gab es vor allem Schweigen, unterbrochen von ein paar Videobändern. Der Herr – auch der des Todes – spricht, wann er will. Und etwas vom dunklen Glanz des Numinosen haftet an Bin Laden bis heute. Er bleibt verschwunden.

Die Moskauer Geiselnahme war eine Zäsur. Erleben wir jetzt den Übergang zum interaktiven Terrorismus? Und noch etwas erfuhren wir in den letzten Tagen, etwas über uns selbst. Jeder ahnt, dass er im römischen Theater die Ursprünge der Massenkultur bis auf den heutigen Tag anschaut. Der einzige Imperativ des Fernsehens ist der des Amphitheaters – der massenhafte, unentrinnbare Zwang zum Hinschauen. Das alte Rom wusste ihn vollkommen zu organisieren in der jedesmal neu zu bestimmenden Differenz zwischen den „Frühersterbenden und den Spätersterbenden".

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