Medien : Der zweite Mann

Er wurde nie gefeuert und nie befördert. Michael Ande spielt seit 300 Folgen beim „Alten“ mit. Ein Leben als Assistent

Barbara Nolte

Das Armani-Café in der Münchner Fußgängerzone. Michael Ande hat es vorgeschlagen. Draußen tobt der Weihnachtsshopping- Irrsinn, die Straßen sind vollgestopft mit Lebkuchen-, Christbaumkugel-, Glühwein-Ständen. Drinnen sitzt Ande vor einem Kaffee und einem Grappa. Ande, Filmname Gerd Heymann. Der Mann, der nie befördert wurde.

Seit Beginn des Krimis „Der Alte“, seit 27 Jahren und genau 300 Folgen, spielt er die Rolle des Assistenten. Seinen ersten Chef haben sie erschossen, Erwin Köster. Kurz darauf hatte er einen neuen namens Leo Kress. Mittlerweile, schreibt das ZDF stolz in seinem Presseheft, ist Ande der dienstälteste Fernsehkommissar der Welt. Er hat sie also alle ausgesessen. Doch was nutzt es ihm? Die Fälle lösen noch immer die anderen. Michael Ande trägt einen schwarzen Rollkragenpulli und eine schwarze Lederjacke. Seine Haare sind kurz und weiß. In den ersten, glorreichen „Alte“-Jahren hatte er braune Locken. Ande lächelt sehr freundlich und erzählt, dass er gerade von einer Autogrammstunde für eine Kinderkrebsstation komme. Deshalb der Grappa. Er muss sich aufwärmen. „War nicht viel los. Dabei hatten wir sogar Uschi Glas dabei.“ Ande ist keiner, der dick aufträgt. Da ist er dem Gerd Heymann ganz ähnlich, dem ewigen Assistenten, seiner Lebensrolle.

Das Assistentenwesen zählt zu einer der klassischsten, gleichwohl sonderbarsten Berufsgruppen im deutschen Fernsehen. Früher hatte jeder Quizmaster seine Assistentin. Die Emanzipation hat die Frauen um ihre Jobs gebracht. Traut sich ja keiner mehr, eine hübsche Frau nur zum Lostrommel-Drehen zu beschäftigen. Bei Männern ist man nicht so sensibel. In den Krimis kriechen immer noch Assistenten auf der Suche nach der Tatwaffe in die Büsche oder verdächtigen erst den Falschen, damit der Spürsinn des Hauptkommissars später um so wirksamer heraussticht. Fritz Wepper, der Derricks loyalen Zuarbeiter Harry Klein spielte, wurde zur Inkarnation des deutschen Kripo-Assistenten. Weppers Geschichte gibt auch das Muster ab, wie Assistentenkarrieren zu deuten sind. Die Rolle wird zur Zwangsjacke: Wepper soll der Job des Wagen-Holers sogar eine Hollywood-Karriere gekostet haben.

Michael Ande war bereits in Frankreich, Italien, Österreich und Deutschland ein Star, als er 1977 beim „Alten“ begann. Im Alter von vier moderierte er eine Kindersendung im Bayerischen Rundfunk, von neun an spielt er in zahlreichen Filmen. Der Übergang vom Kinder- zum Erwachsenendarsteller sei schwer gewesen, sagt Ande. Mit 16 seien die Rollen ausgeblieben. Die Durststrecke währte an, bis er mit 21 die Hauptrolle im Abeuteuer-Mehrteiler „Schatzinsel“ spielte, sein prägendster Film. Selbst im Café Armani kommt eine Frau an den Tisch und bedankt sich „für das tolle Lebensgefühl, das Sie damals vermittelt haben“. Ande ist geschmeichelt. „Als hätte ich sie bestellt“, sagt er lächelnd.

Nur 6000 Mark Gage hat er damals für das halbe Jahr „Schatzinsel“- Dreh bekommen. Nebenbei hat er synchronisiert, zum Beispiel Sylvester Stallone. „Bevor er berühmt wurde“, stellt er klar. Man kann wirklich nicht behaupten, dass Ande sein Leben verklären will. In den 70ern, erzählt er weiter, habe es zu viele Schauspieler für zu wenig Rollen gegeben. Deshalb habe er sich auch so über den Assistentenjob beim „Alten“ gefreut. Nach ein paar guten Jahren mit Beginn des Privatfernsehens seien die Zeiten heute wieder mager. „Die Schauspieler, die bei uns Gastrollen spielen, sagen immer: ,Habt Ihr es gut.’“

Tatsächlich scheint in der kleinen Münchner Krimifabrik des Helmut Ringelmann, der den „Alten“ sowie „Siska“ produziert, und früher „Derrick“, noch immer der Geist der alten Bundesrepublik zu herrschen. In einer Halle in den Bavaria- Studios sind die Kommissariate bereits seit Jahrzehnten aufgebaut, womit endlich ein Rätsel gelöst ist: Derrick und der Alte arbeiteten Tür an Tür. Gedreht wird von morgens neun bis abends 18 Uhr 30. Wie ein ordentlicher Pendler fährt Ande mit der Bahn um 7 Uhr 20 vom Schliersee zum Hauptbahnhof. Jeden Monat sind 14 Drehtage angesetzt, eine Woche ist frei. „Wir Kollegen schreiben uns dann viele SMS. Wir sind gute Freunde“, sagt Ande. In der freien Woche muss er seinen Text lernen, der in etwa so geht: „Wir haben Ihre Frau tot aufgefunden“. Oder: „Wir erwarten Sie gegen Mittag im Präsidium.“ Die Rolle des Gerd Heymann ist schon karg: kein Privatleben, keine Eskapaden. „Natürlich“, sagt Ande, „würde ich der Figur gerne eine private Seite geben, aber wir haben nur eine Stunde Sendezeit. Da geht es nur um den Fall.“

Wahrscheinlich braucht man diese große Bescheidenheit, die Ande ausmacht, um fast 30 Jahre bei der Stange zu bleiben, um nicht zu denken: Warum darf ich nicht mal die zündende Idee haben, warum laufe ich nicht Amok, warum mobbe ich den Alten nicht einfach raus? Ande nennt es Demut: „Ich muss auch im Leben nicht immer die Führungsperson sein.“ Ein bisschen erinnert der Job an den der „Tagesschau“-Sprecher. Ande ist hoch geachtet, eine Institution, wie man in solchen Fällen sagt, aber auch unterfordert. Nun ist es so, dass viele Nachrichtensprecher aus ihrer braven Fassade ausbrechen. Susan Stahnke posierte in Strapsen, Jens Riewa prahlte mit Sex-Erlebnissen. Auch von Fritz Wepper sind Alkohol- und Frauengeschichten überliefert. Bei Ande findet man nur dieses Motorrad. Groß wie ein Auto soll es sein. Will er wenigstens auf den Straßen Oberbayerns Easy Rider spielen? „Nee“, sagt Ande. Er wollte immer fliegen, hatte aber Probleme mit der terrestrischen Navigation. Er habe sich oft verflogen. Das Motorrad sei der Kompromiss.

Kürzlich ist Ande 60 geworden. Für einen Assistenten ein reifes Alter, verglichen mit den Kollegen aber nichts. Produzent Ringelmann ist 78. Volker Vogeler, Autor von 171 „Alte“-Drehbüchern einschließlich der Jubiläumsfolge, ist 74. Rolf Schimpf, der Hauptkommissar, sogar schon 80. Die ganze Crew hält also, was der Titel verspricht. Sie sind die Lösung für das deutsche Rentenproblem. Zumal Schimpf noch nicht einen Fall einstellen musste, etwa weil er eine Zeugenaussage vergessen hatte. Und auch Heymann – wie jeder Assistent, fürs Einfangen flüchtender Tatverdächtiger zuständig – ist noch niemand entwischt.

Mit einem beherztem Satz über eine Gartenmauer eröffnet er die Schlusssequenz der heutigen 300. Folge. Wie immer spielt der Film im Münchner Reichenmilieu, das für Ringelmann typisch ist. Ein Liebespaar wird umgebracht. Die Coolness der frühen Jahre ist einer Kühle gewichen. Wurden die reichen Münchner früher als verrucht gezeichnet, wirken sie heute deprimiert. Das ist wohl der Geist der Zeit.

Mittlerweile ist „Der Alte“ im Programm von vielen Krimis umzingelt. Man muss es so sagen: Sie stellen ihn in den Schatten. „Der Alte“ ist ein stiller Krimi, unauffällig wie Heymanns Trenchcoat. Am Montag beginnt der Dreh zur 307. Folge. Ande sagt, er sei anfangs immer noch nervös. So sehr man bei ihm auch nach der Lebenslüge sucht, nach denen Assistenten immer gescannt werden – man findet nichts. Ande will weitermachen, bis der „Alte“ aufhört. Er habe als Schauspieler keinen unerfüllten Traum. „Und wo soll man denn auch hin? In die Seifenoper oder in den Big-Brother-Käfig?“

„Der 300. Alte: Der Tangomord“: ZDF, 20 Uhr 15

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