Medien : Der zweite Versuch

Gerhard Zeiler inthronisiert jetzt Anke Schäferkordt als Chefin von RTL

Barbara Nolte

RTL-Chef Gerhard Zeiler kam extra nach Berlin geflogen, um die Wachablösung zu verkünden. Von September an, sagte Zeiler in der Bertelsmann-Repräsentanz Unter den Linden, wohin der Privatsender gestern zum Mittagessen geladen hatte, gehe er nach Luxemburg. Dort steckt er seine volle Arbeitskraft in die Leitung der internationalen RTL-Gruppe. Seine Nachfolgerin hatte er mit nach Berlin gebracht: Anke Schäferkordt, 42, langjährige Chefin von Vox. Im Frühjahr hatte Zeiler sie als seine Stellvertreterin eingestellt.

An der Spitze von Europas größtem Privatsender steht also bald eine Frau.

Und sie erbt keinen leichten Job. RTL, das über Jahre mit schlafwandlerischer Sicherheit Erfolgsformate produzierte, hatte zuletzt viele Flops: Dokusoaps wie „Big Boss“, Serien wie „Beauty Queen“ und „Das geheime Leben der Spielerfrauen“. Hektisch produziert, hektisch wieder aus dem Programm genommen. „In den letzten zwölf Monaten ist Manches nicht gut gelaufen“, sagte Zeiler zu Beginn des gestrigen Essens. Die Fehler hätten mit dem großen Erfolg von ,Deutschland sucht den Superstar’ begonnen. „Wir wollten keinen Programm-Hit versäumen und orderten Formate, die gar nicht zu uns passten.“ Anke Schäferkordt glaubt, dass die unangefochtene Marktführerschaft RTL nachlässig gemacht habe: „Wir müssen wieder härter und sorgfältiger arbeiten. Zum Beispiel bei der Auswahl der Autoren und beim Casting der Schauspieler.“

Aber es war nicht aus bloßer Schludrigkeit, warum RTL im ersten Halbjahr in der Zuschauergunst hinter ARD und ZDF zurückgefallen war. Der Zeitgeist hat sich geändert. Das Privatfernsehen steckt in der Identitätskrise. Die alten Erfolgsformate wie „Big Brother“ oder die „Dschungelshow“ laufen nicht mehr, weil in Deutschland ein neuer Ernst herrscht. „Natürlich kann man in Zeiten von Hartz IV keine Shows wie ,Big Boss’ zeigen, in denen junge Unternehmensberater-Typen um einen Job kämpfen“, sagte Anke Schäferkordt. Von Harald Schmidts Begriff des „Unterschichtenfernsehens“, der so viel Widerhall fand, weil er offenbar den Punkt traf, hält sie allerdings nichts. „Eine Untersuchung besagt, dass mehr Menschen mit Abitur die ,Dschungelshow’ sahen als die ,Tagesschau’.“

Trotzdem hat RTL zumindest für dieses Jahr keine neue Staffel der „Dschungelshow“ geplant. Nur die ehemalige Kandidatin Lisa Fitz bekommt eine eigene Serie: „Die Gerichtsmedizinerin“. Als Anke Schäferkordt zu RTL kam, war die Serie schon mitten in der Entwicklung. Sie habe sich noch die Bücher kommen lassen, sagte sie. Wegen der langen Vorlaufzeiten im Fernsehen dauert es noch, bis man Anke Schäferkordts Handschrift im RTL-Programm sehen kann. Sie kündigte gestern schon mehr „qualitativ hochwertige“ Filme und Serien an. Zielgruppe sei „die ganze Familie“. Eine politische Sonntagabendtalkshow, wie spekuliert wurde, wird es unter ihr nicht geben. Die Talkshows würden langsam redundant, sagte sie. „Wir alle haben die Politikerstatements schon oft gehört.“

Anke Schäferkordt stieg über die betriebswirtschaftliche Seite ins Fernsehgeschäft ein. Trainee bei Bertelsmann, ging sie 1991 in die Controlling-Abteilung von RTL, wechselte zu Vox, wo sie 1999 Geschäftsführerin wurde. Sie sanierte den Sender nicht nur, sondern machte ein interessantes Programm mit vielen guten US-Serien und Spielfilmen. Deshalb ist zu erwarten, dass sie auch bei RTL Qualitätsbewusstsein zeigt.

Für Gerhard Zeiler ist sie der zweite Versuch, einen Nachfolger zu finden. Der Produzent Marc Conrad musste nach nur hundert Tagen gehen. Angeblich wurde ihm zum Verhängnis, dass weder Mitarbeiter noch Journalisten wussten, was er mit RTL vorhatte. Den Fehler macht Anke Schäferkordt nicht. Kaum dass sie bei RTL angefangen hatte, machte Termine in allen Abteilungen.

Nachdem vor ein paar Jahren Sabine Christiansen, Maybrit Illner und Sandra Maischberger den Männern die Polittalkshows abgeknöpft hatten, sind die Frauen jetzt auch in den Chefetagen der Sender angekommen. Catherine Mühlemann hat das deutsche Musikfernsehen unter sich. Mit Dagmar Reim vom RBB sitzt immerhin eine Frau am Tisch der ARD-Intendanten. Anke Schäferkordt leitet sogar die ganze RTL-Senderfamilie in Deutschland, zu der auch Vox, RTL II, Super RTL und n-tv gehören. Ihr weiblicher Blick würde sich aber nicht in den Programmen niederschlagen, glaubt sie: „Eine Sendung muss nicht mir gefallen, sondern der Zielgruppe.“

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