Medien : Derrick

Der Tagesspiegel

Eigentlich war es ein bisschen eine Weltanschauung, ihn zu schauen, Freitagabend zur Primetime. 25 Jahre lang lief „Derrick“ auf dem Sendeplatz. Als Horst Tappert im Herbst 1998 schließlich sein Toupet, pardon, seinen Hut nahm, da ging eine Ära zu Ende, und die Zeitungen waren voller Tappert-Porträts und „Harry, hol schon mal den Wagen“-Anekdoten. Und die Journalisten stellten die Frage, was wir, die fernsehende Nation, wohl ohne ihn machen, ohne unseren weltweit exportierten TV-Kriminaloberinspektor Stephan Derrick.

Ein Glück, dass ihn sein Haussender, das ZDF, am montäglichen Vorabend wiederholt – all die 280 Folgen, die zum Teil restauriert werden. So bleibt er uns noch eine Weile erhalten, dieser Biedermann im Regenmantel, dieser Hüne mit Hornbrille. Derrick, das war eine Instanz, eine Autorität, eine Respektsperson. Was er sagte, das galt.

Dem Münchner Polizisten vom Morddezernat ging es oftmals um den moralischen Aspekt, unter dem das jeweilige Verbrechen begangen wurde. Was hat den Täter angetrieben, wo liegen seine (Un-)Tiefen, seine Ängste, seine Sehnsüchte? Die Welt, auch die der Villen in München-Grünwald, ist voller Abgründe: „Harry, ich glaube, er wusste in dieser Welt keinen anderen Ausweg.“ Nicht selten wurde es ein wenig philosophisch, wenn Derrick im Büro zu grübeln begann und mit seinen großen, wässrigen, immer irgendwie traurig wirkenden Augen zum Fenster hinausschaute. Dafür sorgten die Bücher von Herbert Reinecker, dafür sorgte auch die Musik von den Humphries und vor allem Gestus und Habitus von Horst Tappert, der seinem Gegenüber stets lang und tief in die Augen sah.

Heute wirken alte Folgen, gerade die aus den 80ern, seltsam kurios: Da waren Fritz Weppers Lederstiefel-Absätze noch höher, da war Horst Tapperts große Brille noch lila getönt. Ja, unser „Derrick“ war mehr als ein Kommissar. Er war ein Stück Bundesrepublik. Thilo Wydra

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