Medien : Derrickiaden

Zum Tod des Drehbuchautors Herbert Reinecker

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Geboren, um zu schreiben: Romane, Theaterstücke, Artikel, Hörspiele, Drehbücher vor allem. Unter Herbert Reinecker, dem eigenen Namen, gerne auch unter Pseudonymen wie Alex Berg. Geradezu eine Ein-Mann-Schreibfabrik hat Reinecker aufgebaut. 400 Kriminaldrehbücher sind dort entstanden, davon allein 281 für die national wie international sagenhaft erfolgreiche ZDF-Serie „Derrick“ mit Horst Tappert in der Titelrolle. Aber der Westfale, geboren an Weihnachten 1914 in Hagen, war längst etabliert, als Tappert sich 1973 erstmals in den Oberinspektor Derrick verwandelte. Er hatte 1968 den „Kommissar“ alias Erik Ode für das Zweite erfunden.

Beiden Figuren und sorgfältig erzählten Serien hat er ein spezifisches Webmuster eingeschrieben: Weniger die kriminelle Tat und ihre Aufklärung interessierten diesen Autor als die Verstrickung der Täter in ein individuelles Netz aus Schuld, Versagen und Sühne. Das sind, in der Summe, auch hohl klingende Begriffe, doch Reinecker suchte, mehr noch beim immer paternalistischer ausgeprägten „Derrick“ als beim „Kommissar“, den psychologisierenden, hohen Ton. Vor dem Hintergrund von Spannung und „Who-done-it“ verhandelte er die Moral. Typisch für ein Reinecker-Drehbuch war der ausgewiesene Anspruch an seine Serienfiguren: Warum können Menschen nicht einfach gut sein?

„Man muss den Lauf der Welt in einem großen Zusammenhang sehen“, sagte er zu seinem 90. Geburtstag. Krimis nur um der Unterhaltung willen waren seine Sache nicht. Da hatte er schon aufgehört, seinen „Derrick“ in diese merkwürdige Welt zu schicken. Denn, so Übervater Reinecker, moralische Schranken gebe es nicht mehr. Reinecker hatte der Gesellschaft die Gesellschaft erklären wollen, jetzt wollte er nicht mehr. Die Zeiten, in denen er noch etwas habe „loswerden“ müssen, seien vorbei. „Alles hat seine Zeit. So wie ich Krimis geschrieben habe, so verfasst sie heute keiner mehr.“ Dieser Autor, diese Autorität war es gewohnt, dass er die Figuren entwarf, Handlung und Dialoge aufschrieb, die so und nicht anders von den Redakteuren, Produzenten (allen voran: Helmut Ringelmann) und Schauspielern umgesetzt wurden.

Herbert Reinecker konnte freilich mehr als Mord und Totschlag, er konnte auch Paradies: Seine „Traumschiff“-Reisen wie seine Rentner-Idylle um „Jakob und Adele“ mit Carl Heinz Schroth und Brigitte Horney garantierten seinem Haussender ZDF enorme Einschaltquoten und brachten ihm zahllose Auszeichnungen ein.

1990, Reinecker lebte mit seiner Familie am schönen Starnberger See, versuchte er mit dem Buch „Ein Zeitbericht – unter Zuhilfenahme des eigenen Lebenslaufs“ die Möglichkeiten, die Irrungen und Wirrungen einer ganzen Generation festzuhalten. Reinecker zog, ehe es andere für ihn taten, eine Bilanz, mit Soll und Haben. Früh, schon 1932, war er in die Hitler-Jugend eingetreten. Bald wurde der Propadandaschreiber in das Berliner Presseamt der Reichsjugendführer berufen, im Zweiten Weltkrieg arbeitete er in der Kriegsberichterstatterkompanie der Waffen-SS, 1942 übernahm er die Leitung der HJ-Zeitschrift „Junge Welt“. Nach dem Krieg schrieb er für Feuilletons, ehe er auf Hörspiele und Drehbücher umstieg. Der Krieg im Kinofilm ließ ihn so schnell nicht los: ob Luftwaffe („Der Stern von Afrika“), ob Abwehr („Canaris“, 1955 ausgezeichnet mit dem Filmband in Gold), der Widerstand der Offiziere („Der Fuchs von Paris“) oder die französische Résistance („Kennwort: Reiher“).

Das aufkommende Fernsehen und sein ungeheurer Hunger nach Stoff brauchten Herbert Reinecker, insbesondere das 1963 gegründete ZDF. Der Autor lieferte über Jahrzehnte Buch um Buch, beinahe schon im Akkord.

Ihr Mann sei bereits am 27. Januar gestorben, sagte seine Witwe. Er sei friedlich eingeschlafen. Die Trauerfeier habe in aller Stille stattgefunden. jbh

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