Medien : Des Mühe wert

ARD zeigt „Goebbels und Geduldig“, eine Nazi-Komödie

Kerstin Decker

Wenn, sagen wir, Roberto Benigni seine KZ-Komödie „Das Leben ist schön“ mit der ARD hätte machen müssen – wie würde „Das Leben ist schön“ wohl aussehen? 15 Drehbuchfassungen hat Autor Peter Steinbach geschrieben. Bislang ist der Verfasser von „Heimat“ noch nicht durch Masochismus aufgefallen. Benigni aber hätte wahrscheinlich gar nicht die Geduld gehabt, von irgendetwas 15 Fassungen zu lesen – so einfach ist das.

So schwer ist das. Das Kino hat die Diskussion, ob man über die Nazis lachen darf, längst hinter sich. Aber muss das Fernsehen das merken? Die 15 Fassungen waren es ja nicht allein. Sieben Jahre brauchte das Projekt bis auf den Bildschirm. Die letzten beiden Jahre verbrachte „Goebbels und Geduldig“ im Gift-Schrank. Man dachte auch schon über einen spätestmöglichen Sendetermin nach. Jetzt kommt „Goebbels und Geduldig“ doch zur Hauptsendezeit. Ein Augen-zu-und-durch-Entschluss?

„Goebbels und Geduldig“ sieht aus wie die Nazikomödie eines Landes, das sich überhaupt nicht sicher ist, ob es das Recht hat, eine Nazi-Komödie zu drehen. Aber man erkennt noch immer den rabenschwarzen Anfangs-Aberwitz der Geschichte: Reichspropagandaminister Goebbels gibt es doppelt. Einmal als ihn selbst und einmal als den Juden Harry Geduldig, der seit 1934 hochgeheim gefangengehalten wird. Der Jude Harry Geduldig, der aussieht wie Joseph Goebbels, ist das eigentliche Staatsgeheimnis des NS-Reiches. Himmlers Wunderwaffe. Denn Heinrich Himmler mag den Reichspropagandaminister nicht. Er versucht es mit Attentaten. Man sollte diesen Goebbels austauschen…

Natürlich ist ein Risiko dabei: Was, wenn der Ersatz-Goebbels plötzlich statt des „totalen Krieges“ die „totale Kapitulation“ forderte? Dass die Geschichte schon immer einen Haken hatte, sieht nun jeder. Aber er lag nicht in dem ängstlichen Darf-man-wirklich?, sondern eher in dem Man-hat-ja- schon. Die erste deutsche TV-Nazi-Komödie ist nämlich ein Wiedergänger. Die Parallele zum „Großen Diktator“ ist überdeutlich. Damals der Führer und ein jüdischer Friseur. Jetzt also der Reichspropagandaminister und ein Jude. Ein wenig fad schmeckt das schon, auch wenn Ulrich Mühe als Harry Geduldig versucht, die Anleihe durch eine Chaplin-Hommage aufzufangen.

Und trotzdem. Vergessen wir das alles. Einen solch ungewöhnlichen Fernsehabend gab es lange nicht. Noch das Vorsichtige, Ungerade, was nach 15 Fassungen übrig bleibt und nie ein Ganzes ergibt, ist unbedingt sehenswert. Und das liegt vor allem an Goebbels-Geduldig: an Ulrich Mühe. Man wäre nicht erstaunt, ginge der Bildschirm in Scherben von Mühes hohem „s“ in dem Wort „Fanatisssmus“. Goebbels erklärt seinem Doppelgänger, warum er, der Jude, eben niemals Goebbels sein könne: Ihm fehle der nötige Fanatisssmus, das Echte eben. Ein schaurig-grotesker Höhepunkt des Films.

Demagogen-Pathos auf einer Nadelspitze balanciert, wo eine Vierteltonwendung, eine Sekundenüberdehung genügt, es in klaftertiefe Lächerlichkeit stürzen zu lassen. Hier kann „Goebbels und Gedulig“ Chaplins „Großem Diktator“ das Wasser reichen: Chaplins Hinkel hatte Urlaute; ihnen Inhalt zu geben, ist die andere Möglichkeit. Mühe ist ein Virtuose des Volksverführerertums und seiner Entlarvung zugleich. Aber dieser Ausnahme- Schauspieler wäre nicht er selber, verfügte er nicht über den Ausdruck des Kreatürlich- Innigsten mit der gleichen Selbstverständlichkeit – im Juden Harry Geduldig.

Ohne die klamaukigen Einlagen, die Rückversicherungen, dass auch der Letzte merkt, was hier gespielt wird – nur Komödie! –, hätte „Goebbels und Geduldig“ ein Kunstwerk werden können.

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