Deutsch-polnische Beziehungen : „Der Krieg ist gegenwärtig“

Fünf Jahre lang berichtete ARD-Korrespondent Robin Lautenbach aus Polen. Ein Gespräch über Krieggeschichten am Familientisch, herzliche Empfänge und ein journalistisches Paradox.

Herr Lautenbach, gab es etwas während Ihrer fünf Jahre als ARD-Korrespondent in Warschau, womit Sie nicht gerechnet hätten? Etwas, auf das man sich trotz aller Vorbereitung nicht vorbereiten konnte?

Es gibt wohl keine Familie in Polen, die durch den Krieg nicht betroffen war. Natürlich habe ich gewusst, dass Polen das Land mit den meisten Kriegsopfern ist, gemessen an der Gesamtbevölkerung. Aber wie gegenwärtig diese Geschichten in den Familien sind, das hat mich doch überrascht.

Weil die Enkel ganz selbstverständlich die Lebensgeschichten ihrer Großeltern kennen?

Ja, sie werden am Familientisch erzählt, bis heute. Das ist der große Unterschied zu Deutschland.

Wann haben Sie das zum ersten Mal wahrgenommen?

Als einer meiner jungen polnischen Producer ganz nebenbei sagte, sein Großvater sei in Treblinka umgekommen, und eine gute Bekannte, eine ihrer Tanten habe den Warschauer Aufstand nicht überlebt. Es war dieser Ton, den man für das beinahe Normale hat. Da wird plötzlich auf einer Alltagsebene klar, wie verschieden der Boden unter unseren Füßen noch immer ist.

Sie gehören zu der Generation, die gespürt hat, dass sie auf einem seltsam doppelten Väter-Boden steht. Sie gehören zu der Generation, die – wie man gern sagt – „die Fragen gestellt hat“!?

Ja, und darum hat wohl irgendetwas in mir angenommen, dass die Vergangenheit vorüber sei. „Aufgearbeitet“, wie auch immer. Aber das ist zu einfach.

Sind Sie auf Feindseligkeit gestoßen?

Nie! Und das muss man auch erst einmal verstehen: Ich bin oft geradezu herzlich empfangen worden, auch von KZ-Überlebenden.

(Lautenbachs Handy klingelt. Er spricht polnisch.)

Das klingt, als seien Sie noch immer mehr in Warschau als in Berlin.

(lacht:) Das war meine Frau!

Sie haben eine Polin geheiratet?

Nein, meine Frau ist Amerikanerin. Aber seit sie sich „Polish in four weeks“ gekauft hat, will sie polnisch mit mir reden.

Haben Sie Polnisch auch in vier Wochen gelernt?

(Die bis eben gelösten Züge des ARD-Korrespondenten zeigen plötzlich Spuren großer Prüfungen:) Hunderte, tausende Stunden habe ich genommen. Es war so schwer, ist es immer noch. Und meine Frau … Inzwischen liest sie zur Übung polnische Frauenzeitschriften, da ist die Sprache einfach und die Themen sind immer die gleichen.

Wie sehen Sie das deutsch-polnische Verhältnis heute?

Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind sehr gut, das waren sie selbst in dunkelsten Kaczynski-Zeiten. Aber wir haben noch immer ein Wahrnehmungsproblem. Die Deutschen wissen zu wenig über die Polen. Umgekehrt ist das besser. Obwohl die deutschen Medien viel mehr über Polen berichten als umgekehrt.

Das klingt wie ein leibhaftiges journalistisches Paradox!

Kann man sagen. Aber nehmen Sie dieses Datum, den 1. September vor siebzig Jahren. Der Beschuss der Westerplatte ist noch immer in vielen, nicht nur älteren Köpfen, was den Kriegsbeginn betrifft. Und was kommt dann? Der Holocaust und der Überfall auf die Sowjetunion.

Sie meinen, wir haben noch immer ein Bild des Zweiten Weltkriegs, in dem Polen fast nicht vorkommt?

Eben das. Ich glaube aber, dieser Tage wird sich das ändern. Und Sie dürfen eins nicht vergessen: Für die Polen endete der Zweite Weltkrieg streng genommen erst 1989, mit dem Ende des Kommunismus.

Und wir feiern den Mauerfall und glauben am Ende, das Ende des Kommunismus wäre unser Verdienst. Sind die Polen auch da anderer Ansicht?

Natürlich. Schließlich ist der Mauerfall nur der Endpunkt einer Geschichte, die in Polen begann, spätestens 1980 mit der Gründung der Solidarnosc.

Das Interview führte Kerstin Decker.

„Mein Polen“, RBB-Fernsehen, um 20 Uhr 15

Robin Lautenbach war bis Ende Juli ARD-Korrespondent in Warschau. Jetzt arbeitet er für den Rundfunk BerlinBrandenburg (RBB) im ARD-Hauptstadtstudio.

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