Medien : „Deutsche gefährdeter als Amerikaner“

Was Bilder und Berichte über Entführungsopfer im Irak bewirken. Gespräch mit Christoph Maria Fröhder

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Herr Fröhder, teilen Sie die Kritik von Außenminister Frank-Walter Steinmeier an der deutschen Medienberichterstattung über die Geiselnahmen im Irak?

Es gibt neben der Entführungsindustrie im Irak inzwischen eine Art Enthüllungsindustrie in den deutschen Medien. Der Wettbewerb ist enorm, genau wie die Gefahr, dass die journalistische Ethik unter die Räder gerät. Viele der Kollegen denken nicht darüber nach, was man mit einer intensiven Berichterstattung alles anrichten kann.

Regierungssprecher Thomas Steg kritisierte vor allem die Berichte über angebliche Lösegeldzahlungen der Bundesregierung im Fall Osthoff.

Solche Berichte haben die Sicherheitslage für Deutsche mit Sicherheit verschärft.

Was sollen die Medien tun, schweigen?

Nein. Sie sollen das Notwendige berichten: Fakten, die man recherchieren kann. Sie sollen sich aber nicht in schlagzeilenträchtigen Spekulationen ergehen, wie wir das bei der „Bild“-Zeitung und beim „Focus“ erlebt haben. So etwas ist riskant und beeinträchtigt die Situation der Menschen vor Ort nur unnötig.

Kann man im Irak deutsche Zeitungen kaufen oder deutsches Fernsehen empfangen?

Wir wissen von Frau Osthoff, dass die Appelle deutscher Politiker im Internet auf Arabisch überall verbreitet wurde. Viele Internetnutzer greifen dort zu Agenturen, die so etwas übersetzen und in meist sehr plakativer Form weitergeben. Der Wissenstand, gerade bei den Tätern, ist in der Regel sehr gut.

Sie sind im Irak selbst das Opfer einer versuchten Entführung geworden. Davon hat die deutsche Öffentlichkeit erst Monate später erfahren. Hat Ihnen das geholfen?

Ich wollte nicht, dass das bekannt wird. Das hat bei einem Journalisten schnell den Charakter von Wichtigtuerei. Außerdem wollte ich das Risiko minimieren, dass mir so etwas noch einmal passiert.

Wie folgenreich sind Berichte über Agenten des Bundesnachrichtendienstes (BND), die angeblich mit den Amerikanern zusammengearbeitet haben?

Nach allem, was wir heute wissen, war die Berichterstattung in der entscheidenden Frage – hat der BND den USA kriegswichtige Ziele genannt? – falsch. Unabhängig davon sind die Folgen natürlich verheerend. Meine Stringer in Bagdad haben mir gerade noch einmal am Telefon bestätigt, dass der Schutz, den wir Deutsche im Kriegsjahr 2003 genossen haben, der mit der Zeit immer löcheriger wurde, heute praktisch nicht mehr existiert.

Sind Deutsche so gefährdet wie Amerikaner?

Mindestens. Im Moment sind wir wahrscheinlich sogar noch gefährdeter. Die wenigen deutschen Geschäftsleute und einzelnen Journalisten bewegen sich ja nicht in irgendwelchen militärischen Konvois. Die Amerikaner haben sich in ihre Camps zurückgezogen und operieren nur noch in ganz großen Gruppen.

Am Freitag wurde das Entführungsvideo mit den beiden deutschen Ingenieuren im deutschen Fernsehen gezeigt. Der Medienprofessor Jo Groebel kritisiert, dass eine solche Ausstrahlung letztlich nur den Entführern nützt, die so Stärke demonstrieren können. Hätte man auf die Ausstrahlung verzichten sollen?

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass wir Journalisten das große Risiko laufen, zu Komplizen der Entführer zu werden, wenn wir das von ihnen ja für uns hergestellte Bildmaterial nutzen. Ich fand es im Fall von Frau Osthoff sehr richtig, dass die ARD ausschließlich das eine Standbild gezeigt hat, sich also bewusst begrenzt hat. Dieses Verhalten betrachte ich als das Angemessene, um die Betroffenen nicht unnötig zu gefährden.

Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler, gibt dem Arbeitgeber der beiden Ingenieure eine Mitschuld.

Das kann man vielleicht so werten. Ich glaube aber nicht, dass es sinnvoll ist, über Schuldfragen zu spekulieren, wenn die Betroffenen noch in Geiselhaft sind. Es wäre eindeutig ein besserer Stil, wenn Politiker und Medien in dieser Phase, wo Verhandlungen stattfinden können, den Entführern nicht unnötig Argumente an die Hand liefern. Die Schuldfrage kann man anschließend diskret klären, im kleinen Kreis.

Angela Merkel hat an die Entführer appelliert, René Bräunlich und Thomas Nitzschke freizulassen. Im Fall Osthoff hatten Sie einen ähnlichen Aufruf initiiert, an dem sich auch Gerhard Schröder beteiligte. Kommen solche Botschaften überhaupt an?

Ich denke, dass der Appell von Frau Merkel richtig war. In den italienischen und französischen Entführungsfällen waren die Entführer bestens informiert über alle Bemühungen, die in den Heimatländern ihrer Geiseln vonstatten gingen. Das hat bei denen einen deutlichen Eindruck hinterlassen, die Solidarität der Regierung und der Bevölkerung.

Susanne Osthoff wurde nach den TV-Auftritten von vielen Seiten scharf kritisiert.

30 Tage Geiselhaft, neun Mal im Kofferraum das Versteck gewechselt: Frau Osthoff hätte eine Therapie gebraucht, stattdessen hat man sie vor die Kamera geholt. Wenn überhaupt ein Interview so kurz nach der Entführung: Dann durch einen erfahrenen Reporter vor Ort, nicht aber live.

Also haben ZDF und ARD die Berufsethik verletzt?

Wenn ich in entscheidender Funktion gewesen wäre, hätte ich Frau Osthoff weder im ZDF noch in der ARD vor die Kamera geholt. Ein Opfer hat das Recht, sich wieder zu stabilisieren, bevor man es zum Medienereignis macht. Das ZDF hat diesen Fehler begangen und dann gemerkt: Ich kann das nicht ausstrahlen, dazu gab es eine entsprechende Pressemitteilung. Am nächsten Tag haben sie es dann aber bearbeitet und doch gesendet. Das ist schon irritierend. Wenn ich dann noch parallel dazu den kompletten Text, den ich für nicht sendefähig gehalten habe, ins Internet stelle, wird die Verwunderung noch größer. Wenn es zu alledem noch möglich ist, dass die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ an eine Abschrift des Vorgespräches kommt und das abdruckt als Beweis dafür, dass Frau Osthoff in einem minimalen Punkt gelogen hat, dann ist das in meinen Augen ein unanständiges Vorgehen. Das Opfer wird so zum Täter gemacht. Hier spielen Journalisten den Schmalspur-Staatsanwalt.

Das Gespräch führte Marc Felix Serrao

Christoph Maria Fröhder, 63, war in den beiden Irakkriegen 1991 und 2003 Sonderkorrespondent der ARD. Im Frühjahr 2005 wurde er selbst Opfer einer versuchten Entführung.

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