Deutsche in Amerika : Nach Westen!

Arte-Dokumentation über Deutsche in Amerika

Die nervtötende Deutschtümelei konnte einem die spannende Karl-May-Lektüre kräftig vermiesen, aber sie hatte einen realen Hintergrund: Deutsche im Wilden Westen, das war durchaus keine Erfindung des Radebeuler Fantasie-Reisenden. Von den 30 Millionen Europäern, die allein im 19. Jahrhundert ihr Glück in der Neuen Welt suchten, stammte ein Sechstel aus Deutschland. Fritz Baumann hat sich auf die Fährten einiger Auswanderer begeben, und seine vierteilige Arte-Dokumentation „Deutsche in Amerika“ bietet vielfältiges Anschauungsmaterial.

Und siehe da: Karl May hatte doch Recht! Deutsche und Indianer, das funktionierte prächtig – jedenfalls an einem Ort in Texas. „Die Trachtenvereine beider Kulturen“, wie Baumann kommentiert, treffen sich einmal im Jahr zu einer Gedenkfeier in Fredericksburg. Man sieht bayrische Trachtenhüte neben indianischem Kopfschmuck; die alte Verbundenheit wird gepflegt. Deutsche Siedler und Komantschen hatten vor über 150 Jahren friedliche Koexistenz vereinbart – dieser Vertrag gilt als der einzige zwischen Weißen und amerikanischen Ureinwohnern, der niemals gebrochen wurde. „Die Deutschen wollten nicht nur nehmen und besitzen, sie wollten teilen“, lobt noch heute Nick Bradford, der Sprecher der „Nation der Komantschen“. Gerade unter den Texasdeutschen waren viele Demokraten und Freidenker, die nach der gescheiterten Revolution 1848 vor den politischen Verhältnissen in Europa geflohen waren. Als sie sich weigerten, mit der Südstaaten-Armee im Bürgerkrieg für die Erhaltung der Sklaverei zu kämpfen, wurden sie in Amerika erneut verfolgt. Fritz Baumann greift dieses Kapitel im zweiten Teil auf („Der Preis der Freiheit“).

Voraussichtlich im November wird sein Vierteiler auf dem Doku-Sendeplatz in der ARD-Primetime am Montag gezeigt. Diesem strengen, einer guten Quote verpflichteten Format trägt der Autor Rechnung: Baumann erzählt beispielhafte Auswanderer-Geschichten mit einem hohen Anteil inszenierter Szenen. Das wirkt manchmal weich gespült, denn wie katastrophal etwa die Verhältnisse auf der Schiffspassage über den Atlantik waren, lässt sich nur andeuten. Immerhin erfindet Baumann nichts hinzu, zudem erzählt er nur Familiengeschichten, die bis in die Gegenwart reichen. Er stützt sich auf Dokumente und Tagebücher und verknüpft die Spielszenen teilweise elegant mit den Aussagen der Zeitzeugen.

Im ersten Teil folgt er der Familie Münks, die ihren Hof in Lank im Jahr 1841 aus wirtschaftlicher Not aufgab und in Loose Creek, Missouri landete. tgr

„Deutsche in Amerika“, Arte Teil 1 und 2, heute ab 22 Uhr 10, Teil 3 und 4 am 10. März ab 22 Uhr 40

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