Medien : „Deutsche schreiben über uns nur Horrorstorys“

Die Journalisten Boris Feldmann und Wladimir Smelow über den Weltkongress der russischen Medien in Berlin

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Herr Feldmann, worüber werden die russischen Medienmacher in Berlin sprechen?

Feldmann: Eines der Hauptthemen ist die Reaktion der russischsprachigen Massenmedien auf die Globalisierung. Russische Medien gibt es heute in 80 Ländern. Der russische Sprachraum wächst. Da muss man ein Netzwerk aufbauen. Die große Frage: Wie schaffen wir es, diese Strukturen zu erhalten und auszubauen?

In Deutschland sorgt man sich eher um die Pressefreiheit: Regierungsunabhängige Fernsehsender in Russland wurden abgeschaltet, kritische Journalisten in Weißrussland verfolgt. Sprechen Sie auch darüber?

Feldmann: Selbstverständlich. Am Kongress wird eine große Delegation aus Weißrussland teilnehmen. Es kommen auch der Vizepremier und der Informationsminister.

Smelow: Die Pressefreiheit muss diskutiert werden. Aber sicherlich nicht aus der tendenziösen Sicht einiger deutscher Medien. Mir scheint, dass es in Russland jetzt eine sehr große Pressefreiheit gibt, eine so weit gehende, wie es sie in Deutschland gar nicht geben könnte. Pressefreiheit wird in Russland häufig als Freiheit begriffen, Politiker und andere einflussreiche Persönlichkeiten anzugreifen. In Deutschland gibt es ungeachtet aller Überparteilichkeit einen ganz klaren Kodex, der das begrenzt. Also: In Russland gibt es eine größere Pressefreiheit als in Deutschland. Deshalb verblüfft es mich, dass deutsche Journalisten ausschließlich Negatives aus Russland berichten. Russische Journalisten dagegen schreiben in unseren ausgewogenen Medien, was in Deutschland wirklich los ist. Wir heben die negativen Seiten nicht besonders hervor, schreiben nicht andauernd über Prostitution, Arbeitslosigkeit, Steuererhöhungen.

Welche Ereignisse versetzen denn Ihre Chefredaktion in Moskau in Aufregung? Was interessiert den russischen Leser?

Smelow: Am spannendsten sind im Moment alle Fragen, die die Zusammenarbeit unserer Länder betreffen. Das nächste große Ereignis ist das Arbeitstreffen unseres Präsidenten Putin mit Schröder am Donnerstag auf dem Flughafen Tegel. Putin wird auf dem Weg nach Portugal mit Schröder sprechen. Ein anderes Thema der letzten Tage: Ludmila Putina wurde am Montag in Kassel mit dem JakobGrimm-Preis für die Förderung der deutschen Sprache in Russland ausgezeichnet. Das war eine Gelegenheit, über die Zusammenarbeit mit Deutschland zu schreiben.

Was ist für den Chefredakteur einer Emigrantenzeitung eine Titelgeschichte?

Feldmann: Wir betrachten uns nicht als Emigrantenzeitung. Deutschland ist heute das größte russischsprachige Land außerhalb des Gebiets der ehemaligen Sowjetunion. Mehr als drei Millionen Menschen sprechen heute Russisch. Also ist unsere Zeitung eine deutsche Zeitung, die auf Russisch erscheint. Uns interessieren genau die selben Dinge, wie alle anderen Bürger: Die Arbeitslosigkeit, der Teuro. Es gibt auch spezifische Themen. Kürzlich wurde der Verband der russischen Landsleute in Deutschland gegründet. Da geht es beispielsweise darum, russische Sonntagsschulen zu gründen, damit die Kinder nicht die gemeinsame Sprache mit ihren Eltern verlieren.

Wie geht es den Zeitungen in Russland?

Smelow: Gut, wenn man bedenkt, dass es nirgendwo auf der Welt finanziell unabhängige profitable Zeitungen gibt. Hinter fast jedem Medium stehen Interessen oder Geld. Auch bei uns gibt es linke und rechte Zeitungen wie bei Ihnen. Wer Geld hat, kann eine Zeitung herausbringen, auch das ist bei Ihnen nicht anders. Auch große Qualitätszeitungen überleben bei uns: Sie werden gelesen, und sie werden nicht vom Staat gelenkt.

Bislang galt es unter den Auslands-Zeitungen als ausgemacht, dass nur solche eine Überlebenschance haben, die für alle, also für Russen, Russlanddeutsche und russische Juden, schreiben. Jetzt gibt Ihr Konkurrenz-Verlag in Berlin, Werner Media, eine „Jüdische Zeitung“ heraus, Herr Feldmann.

Feldmann: Wir versuchen, eine Zeitung für alle zu machen. Die russische Sprache und Kultur, Kindheitserinnerungen, Lebensweise n verbinden uns . Die „Jüdische Zeitung“, ist der Versuch, eine freie Nische zu finden. Aber ich fürchte, sie wird das Schicksal ihrer drei Vorgängerinnen haben und scheitern. Im 21. Jahrhundert, wo wir in multikulturellen Gesellschaften leben, ist es falsch, zu nationalen Projekten zurückzukehren.

Ihre Leser sind ja aus der ehemaligen Sowjetunion ausgereist, weil sie dort keine Zukunft mehr sahen. Berichten Auslandszeitungen entsprechend kritisch über die Situation in der ehemaligen Heimat?

Feldmann: Wir können uns nicht erlauben, so kritisch über Russland zu berichten wie die russischen Medien. Wenn wir gelegentlich etwas aus der Komsomolskaja Prawda nachdrucken, zum Beispiel über das Chaos bei der russischen Volkszählung, schreiben uns die Leser: „Wie könnt Ihr nur so negativ berichten? Das ist doch eine gute Sache.“ Im Ausland werden die Exilanten zu Patrioten.

Smelow: Da haben Sie es wieder! Die deutschen Journalisten dagegen haben selbst aus einer so harmlosen Sache wie der Volkszählung eine Horrorstory gemacht.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

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