Deutsche Stimmen : Mitgerissen

Macht Charlie Sheen den Mund auf, kommt Benjamin Völz raus. Doch jetzt ist der Synchronsprecher seinen Job los. Nun hofft Völz, dass es dem Hollywood-Star bald wieder besser geht.

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Schweigsam ist Charlie Harper (Charlie Sheen, r.) in „Two and a Half Men“ an der Seite von Alan (Jon Cryer, l.) und Jake (Angus T. Jones) eher selten. Foto: ProSieben
Schweigsam ist Charlie Harper (Charlie Sheen, r.) in „Two and a Half Men“ an der Seite von Alan (Jon Cryer, l.) und Jake (Angus T....

Benjamin Völz wünscht sich eine Taste. Ganz kurz nur will er sie drücken und sich in die Szene schalten, wie er sie auf dem Monitor vor ihm in letzter Zeit so oft beobachten muss. Er sieht einen Mann, dessen Blick immer leerer, dessen Haut roter und dessen Gestik fahriger wird. Völz kennt das von einem Freund, der zu viel trank, den Halt im Leben verlor. Völz will verhindern, dass sich ein solcher Absturz jetzt wiederholt, allein schon aus Eigeninteresse will er dem Mann auf dem Bildschirm zurufen: „Hör auf!“.

Aber Charlie Sheen hat nicht aufgehört. Er hat getrunken, gepöbelt, geprügelt, jetzt ist er seinen Job als Charlie Harper los, die Hauptrolle in der US-Erfolgsserie „Two and a Half Men“ – und damit hat auch Völz einen Job verloren. Denn immer, wenn Sheen den Mund aufmacht, kommt Völz raus. Zumindest wenn es sich um die deutsche Version eines seiner Filme und Sitcoms handelt. Völz ist Synchronsprecher und Sheens deutsche Stimme. Zum ersten Mal hat er den US-Schauspieler 1987 in „Wall Street“ gesprochen, es folgten Filme wie „Being John Malkovich“, „Die Drei Musketiere" und „Guter Rat ist teuer“, aber erst „Two and a Half Men“ machte Sheen zum Star.

In allen sieben Staffeln der Sitcom, die seit 2005 bei Pro 7 zu sehen ist, hat Völz Sheen in seiner Rolle als Charlie Harper gesprochen. Gerade wurde die 16. Folge der achten Staffel synchronisiert, es ist die letzte gewesen. Sheen, der wegen seiner Eskapaden im Januar von der Produktionsfirma Warner Brothers gefeuert wurde, wird durch Ashton Kutcher ersetzt. „Ich bin traurig, dass Sheen es hat so weit kommen lassen“, sagt Völz, der mit seiner Familie in Berlin lebt und Sohn des Schauspielers Wolfgang Völz ist. Nicht nur, weil er damit einen spannenden Job verliere, sondern auch, „weil Sheen in der Serie großartig ist“.

Doch während Sheen, der mit einem Honorar von zwei Millionen US-Dollar pro Folge der bestbezahlte US-Fernsehstar war, vorerst arbeitslos ist, hat Völz noch immer gut zu tun. Neun weiteren Schauspielern leiht der 51-Jährige seine Stimme, darunter Keanu Reeves, David Duchovny, Eric Bana und Matthew McConaughey. So „vielstimmig“ zu sein, ist für Synchronsprecher Geschäft. „Würden sie sich auf einen einzelnen Schauspieler festlegen, hätten sie womöglich nur alle ein bis zwei Jahre etwas zu tun“, sagt Denis Bergemann von der Berliner Agentur Sprecherdatei. Fast jeder Sprecher übernimmt deshalb gleich mehrere Schauspieler. Hinter Hugh Grant und Tom Cruise steckt Patrick Winczewski, Teri Hatcher und Sandra Bullock werden von Bettina Weisz gesprochen, Klaus Dieter Klebsch hat „Dr. House“ Hugh Laurie und Alec Baldwin übernommen, Joachim Kerzel ist für die Rollen der vier Schauspielgrößen Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper und Anthony Hopkins zuständig, und Thomas Danneberg war in „The Expendables“ sogar in der Rolle von zwei Schwergewichten zu hören: als Sylvester Stallone in der Hauptrolle und als Arnold Schwarzenegger, der einen Gastauftritt hatte.

Merken dürfen die Zuschauer natürlich nicht, dass sich hinter mehreren Schauspielern dieselbe Stimme verbirgt. Damit sie nicht an Charlie Sheen denken, wenn sie Keanu Reeves sehen, muss Völz seine Stimmbänder gut unter Kontrolle haben. „Ich verstelle meine Stimme aber nicht stark, sondern verändere jeweils nur Nuancen“, sagt Völz. Doch muss er nicht nur so sprechen, dass sich die Stimmen der einzelnen Schauspieler voneinander unterscheiden. Sondern auch so, dass die Stimme zur jeweiligen Rolle eines Schauspielers passt. In „Akte X“ habe er Duchovny als Agent Mulder ruhig und deutlich, aber mit mystischem Unterton gesprochen, in „Californication“ lasse er ihn als Frauenverführer Hank Moody auch mal nuscheln, verpasse ihm einen verruchten Unterton. „Ich spreche die Schauspieler, wie ich sie auf der Leinwand erlebe. Wenn ich das Gefühl habe, meine Stimme kommt aus ihrem Gesicht raus, dann passt es“, sagt Völz. Synchronsprechen bedeute deshalb vor allem schauspielern – mit dem Unterschied, dass keine Kamera, sondern nur ein Mikrofon die Szenen aufzeichnet.

Viele Synchronsprecher sind deshalb ausgebildete Schauspieler, auch Völz kennt beide Seiten. Schon als Kind stand er auf der Bühne der Berliner Kammerspiele, übernahm als Elfjähriger Haupt- und Nebenrollen in Filmen wie der ZDF-Serie „Aktion Grün“. Gleichzeitig begann er als Synchronsprecher zu arbeiten, zu seinen ersten Jobs gehörte die Figur Schroeder in der Cartoon-Serie „Die Peanuts“. Seit knapp 30 Jahren konzentriert er sich aufs Synchronsprechen. Doch auch wenn er zu den besten der Branche gehört, hat er genau wie seine Kollegen nie die Garantie, dass er immer für dieselben Schauspieler gebucht wird. So hat er 2004 Eric Bana in Wolfgang Petersens Epos „Troja“ synchronisiert, sein Kollege Tobias Meister sprach wie so oft Brad Pitt und Jürgen Thormann Peter O’Toole. Doch als der Film komplett durchsynchronisiert war, habe Petersen gesagt, dass er sich andere Stimmen vorstelle – alles musste mit neuen Sprechern gemacht werden. Bezahlt wurde Völz trotzdem.

Die Gagen für Synchronsprecher richten sich nach dem Auftrag, also nach der Frage, ob es sich um eine Serie, einen Fernseh- oder einen Kinofilm handelt, und nach der Erfahrung des Sprechers, sagt Bergemann von der Sprecherdatei: „Von drei Euro bis 15 Euro pro Satz, von 2000 bis 15 000 Euro pro Film können die Honorare variieren.“ Völz gehöre zu den Erstklassigen unter den rund 5000 Sprechern, die es nach Schätzung von Bergemann in Deutschland gibt. 2008 machte Völz Schlagzeilen, als er für die Fortsetzung von „Akte X“ das Fünffache der üblichen Bezahlung forderte, statt 4000 Euro rund 20 000 Euro. „Die Kosten für die Synchronisation stehen in keiner Relation zu den Ausgaben für Werbung und Marketing eines Blockbusters. Den Verleihfirmen ist ja sogar das Catering bei einer Premierenfeier mehr wert“, sagt Völz. „Dabei ist die Synchronisation für den Erfolg eines Films im deutschsprachigen Raum nicht unerheblich.“ Mit der Stimme würden Emotionen transportiert, der Charakter einer Rolle geprägt. Völz kam mit seiner Forderung damals nicht durch, die Rolle wurde umbesetzt und an der Höhe der Honorare hat sich bis heute nicht viel geändert.

Geschadet hat Völz die Rebellion trotzdem nicht. Aktuell ist er als Eric Bana im Kinofilm „Wer ist Hanna?“ zu hören, auch als Off-Sprecher wird er regelmäßig gebucht, beispielsweise für die ZDF-Reihe „Abenteuer Wissen“. Ab Juni steht er wieder im Studio und synchronisiert zwölf neue Folgen der Serie „Californication“. Völz hofft, dass er bald auch wieder Charlie Sheen seine Stimme leihen kann: „Ich hoffe, es geht ihm bald besser.“ Auch ohne seinen Zuruf.

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