Medien : Deutsche Telekom: "Darth Vader" über Deutschland?

Matthias Hochstätter

Über zehn Millionen Haushalte von Bayern über Sachsen bis Schleswig-Holstein werden demnächst ihre Rechnungen für Kabelfernsehen und -hörfunk an die US-Firma Liberty Media zahlen. Die Telekom hat gestern ihre restlichen sechs Kabelnetze für rund elf Milliarden Mark an Liberty verkauft (siehe Wirtschaft). Damit ist Liberty über Nacht zum größten Kabelanbieter Europas geworden. Was Liberty-Chef John Malone mit seinen Kabelnetzen vorhat, weiß bislang nur er selbst. Die deutsche TV-Branche ist auf der Hut. Malones Gegner bezeichnen ihn als "Darth Vader". Doch Malone ist kein Star-Wars-Bösewicht, sondern - viel schlimmer - ein gewiefter Geschäftsmann.

Malone erwirtschaftet mit nur 40 Angestellten Netto-Einnahmen in Höhe von fast vier Milliarden Dollar. Er hält Anteile an den Mediengiganten AOL-Time-Warner und Rupert Murdochs News Corporation. In den USA gestattet er TV-Sendern den Zutritt zu seinen Kabelnetzen nur, wenn sie ihm dafür Firmen-Anteile abgeben. Was hat Malone nun mit der friedlich-kuscheligen deutschen Fernsehwelt vor? In ein oder zwei Jahren könnte es über das Liberty-Kabel gar kein Fernsehen mehr geben. Oder womöglich noch mehr Programme? Wenn Malone freie Hand hat, ist alles möglich. Denn mit der Einspeisung von TV-Programmen lässt sich so viel nicht verdienen. Mehr Geld versprechen Telefonie oder High-Speed Internet-Zugänge. Kabelfirmen wie Callahan, Klesch oder Primacom verkünden offiziell, dass sie auch nach dem Ausbau des Kabels auf digitalen Standard weiter brav alle Programme einspeisen werden. Zu welchem Preis, das haben sie bislang noch nicht verraten. Lediglich die Primacom hatte Ende letzten Jahres ihren Leipziger Kunden verschiedene digitale Programm-Pakete à fünf Mark angeboten, scheiterte jedoch gegen die rebellierenden Privatsender vor Gericht kläglich. "Wenn Malone mit den Telekom-Netzen nicht machen kann, was er will, wird er aus dem Vertrag wieder aussteigen", vermutet Jürgen Doetz, Geschäftsführer von Sat 1 und Präsident des Privatsender-Verbandes VPRT.Doetz befürchtet, dass Malone seine eigenen TV-Inhalte mit nach Deutschland bringt und missliebige deutsche Konkurrenz-Sender aus dem Kabel wirft. Dann gibt es zwischen München und Kiel eben kein n-tv oder N 24 mehr, sondern nur noch Time Warners CNN, kein Vox und Premiere mehr, sondern Malones QVC und Discovery Channel. Neben ARD und ZDF sehnt auch Privat-TV-Lobbyist Doetz schon seit Monaten die Medien-Politiker herbei, die einen klaren gesetzlichen Rahmen vorgeben sollen. Selten war der Ruf nach wirtschaftlicher Regulierung so laut zu vernehmen: "Die Politik darf sich nicht wegen elf Milliarden Mark für die Telekom aus der Verantwortung stehlen", mahnt Doetz. Sein Wunsch: Der Verkauf von einzelnen Programm-Paketen soll verboten werden. Zudem müsse es eine Begrenzung für die eigenen Programme des Kabelbetreibers geben. Erst dann könne man mit Malone verhandeln. Doch Malone hält von Regulierung und Regulieren nicht allzu viel.

Mitte September kommt der Kabel-König zu Gesprächen nach Deutschland - vorerst ohne Schusswaffen. In den darauf folgenden Wochen will sich dann auch die Politik dem Thema annehmen. Doch wenn zu viel reguliert wird, verschwindet "Darth Vader" einfach wieder - und der börsengebeutelten und von Schulden geplagten Telekom entgehen elf Milliarden Mark. Das wird dem Bundesfinanzminister als Haupt-T-Aktionär gar nicht gefallen.

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