Deutsche-Welle-Chef : „Joschka Fischer lobt uns“

Deutsche Welle: Ein Auslandssender und zwei Standorte in Bonn und in Berlin. Intendant Erik Bettermann über Misstrauen, biedere Programme und Maos Lehre

Herr Bettermann, ein Sender, zwei Standorte – wie lange geht das noch gut?

1997 wurde per Gesetz festgelegt, dass die Deutsche Welle zwei Dienstsitze haben solle, Bonn und Berlin. Es hat ja durchaus seine Vorteile, dass wir in Bonn sind. Bonn wird zunehmend deutsche UN-Stadt und wir sind Medienpartner der Vereinten Nationen. Das passt zu unserem Profil.

Aber die Musik spielt doch ausschließlich in Berlin, in der deutschen Hauptstadt.

Nein, dieser Meinung bin ich nicht. Auch wenn es angesichts der neuen Herausforderungen – Beispiel: ein trimedialer Auftritt – wünschenswert wäre, einen zentralen Standort zu haben. Ich sehe nicht, dass sich während meiner Intendanz die Sachlage entscheidend verändern wird. Wir werden also weiter in Berlin und in Bonn bleiben. So ist die Lage.

Radio und Online-Redaktion arbeiten in Bonn, das Fernsehen sendet aus Berlin. Und jeder fürchtet, dass der andere bevorzugt wird.

Dem ist aber nicht so. Natürlich kostet Fernsehen mehr Geld, und wir haben in den letzten Jahren zugunsten des Fernsehens umgeschichtet. Aber das mussten wir auch tun. Fernsehen ist ein teures Medium. Und wenn Sie es optimieren wollen, und das wollen wir, dann brauchen Sie Geld. Ganz einfach. Die vier Millionen, die wir dieses Jahr mehr bekommen, fließen faktisch ausschließlich dem Fernsehen zu. Aber das heißt noch lange nicht, dass Radio und Online vernachlässigt werden. Ganz im Gegenteil.

Werden Sie Radio und Online zusammenlegen?

Das wird so kommen. Wir stehen in der digitalisierten Welt in Konkurrenz zu Sendern wie CNN, Al Jazeera, BBC World oder France 24. Wir müssen konkurrenzfähig bleiben. Das heißt: Wir müssen umdenken. Die neue Medienlandschaft erfordert einen Content, der multimedial verwendbar ist. Webpages, Podcasts, Handy-TV, das alles fordert uns heraus. Und wir müssen es haben, daran führt kein Weg vorbei.

Und das Fernsehen?

Wir haben seit Anfang 2007 eine Vereinbarung mit ARD und ZDF geschlossen, die uns erlaubt, unsere Wiederholungsrate zu reduzieren. Wir bekommen mehr Programm. Das ist schön und gut. So interessant Talkshows mit Anne Will oder Maybrit Illner auch sein mögen, ich glaube nicht, dass da jeder in der Welt immer folgen kann. Unsere Aufgabe ist es zu erklären. Darauf werden wir uns in Zukunft verstärkt konzentrieren.

Werden Sie Ihre Eigenproduktionen zurückfahren?

Ich weiß, dass es im Haus die Angst gibt, wir würden zu einer reinen Abspielplattform für Fremdproduktionen. Ich halte diese Angst für unbegründet. Wir werden unsere Eigenproduktionen nicht einschränken. Das werde ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der Personalversammlung am Donnerstag genau so sagen.

Ob das ausreichen wird, die Mitarbeiter zu beruhigen?

Ich hoffe es. Es gibt keinen Anlass zur Beunruhigung.

Was fehlt dem Fernsehen der Deutschen Welle am meisten?

Es wäre schön, wenn wir noch mehr Mitarbeiter hätten, die sich in der Welt auskennen. Es kann auch nicht schaden zu wissen, wie unsere Sendungen im Ausland aufgenommen werden. Das würde uns helfen, unsere Zielgruppen präziser anzusprechen.

Was schwebt Ihnen vor? Weltfernsehen? Und das mit gerade mal 25 Millionen Euro, die Ihnen für die Programmgestaltung bleiben?

Erst einmal: Es sind etwas mehr als 70 Millionen. Wir schwimmen nicht in Geld, aber deshalb arbeiten wir nicht schlechter als andere. Unser arabisches TV-Programm zum Beispiel, das wir seit vier Jahren hier aus Berlin senden, haben wir von anfangs drei auf heute acht Stunden ausgeweitet. Das kostet uns 6,5 Millionen. Der für den arabischen Raum zuständige Kollege der britischen BBC hat gerade von seiner Regierung 71 Millionen Pfund, also 110 Millionen Euro, für die nächsten drei Jahre zur Verfügung gestellt bekommen. Umso mehr freut es mich, dass wir sehr wohl in der arabischen Welt wahrgenommen werden, trotz unserer bescheidenen Mittel. Das ist ein großer Erfolg.

Aber man sieht Ihrem Programm an, dass es mit wenig Geld gemacht ist.

Glauben Sie, dass es mich freut, wenn ich auf meiner letzten Asien-Reise acht Mal denselben Beitrag sehen musste, in dem es um die Ausbildung von Frauen auf der Gorch Fock geht? Wir müssen wiederholen, weil uns das Geld fehlt. In den letzten Jahren ist unser Etat um 20 Prozent zusammengeschmolzen worden. Dass wir es trotzdem in etwa geschafft haben, ist schon eine Leistung für sich. Und jetzt bekommen wir sogar vier Millionen Euro mehr. Sie sehen, es geht aufwärts.

Was wünschen Sie sich? Was wollen Sie erreichen?

Die Deutsche Welle muss in den Köpfen aller wichtigen Entscheidungsträger fest verankert werden. Der Sender hat viel zu lange im Dornröschenschlaf gelegen. Es muss klar sein, dass dieser Sender als mediale Visitenkarte Deutschlands gebraucht wird. Mich freut sehr, dass Ex-Außenminister Joschka Fischer, der in seiner Amtszeit zu den stärksten Kritikern der DW zählte, vom Saulus zum Paulus geworden ist. Der Mann lobt uns inzwischen sogar. Es gibt also Hoffnung.

Muss sich nicht noch sehr viel in Ihrem Sender bewegen, damit Sie auf Dauer Erfolg haben können?

Aber sicher, ganz klar. Und Sie können mir als oberstem Wellenmacher ruhig glauben, dass wir das schaffen werden. Auch wenn das hin und wieder mit etwas Unruhe erkauft werden muss. Aber das ertrage ich geduldig in dem Wissen, dass es sein muss. Im Interesse aller Mitarbeiter. Wir unterziehen uns seit Jahren einer permanenten Selbstreform.

Das ist ja reinster Maoismus.

Aber sicher. Damit kenne ich mich aus.

Wie viele Ihrer Quasi-Vorgesetzten, also der Bundestagsabgeordneten, kennen Ihr TV-Programm?

Auch wenn es erstaunlich klingen mag: ungefähr die Hälfte, also über 300. Ich habe allen Abgeordneten einen Brief geschrieben. Die Hälfte hat geantwortet und wollte mich sprechen. Man interessiert sich also im Hohen Hause. Daraus können und müssen wir Honig saugen.

Sie senden auf Arabisch, auf Englisch, auf Spanisch. Wo bleibt China?

Die Herren in China lassen uns nicht rein. Ich kämpfe seit 2004 um eine Fernsehlizenz für Sinus-Sat. Das würde uns 100 000 Dollar pro Jahr kosten. Per Internet geht leider auch oft nichts, da bleiben unsere Seiten weiß. Mit dem Hörfunk erreichen wir Kanton und vielleicht gerade noch Shanghai. Peking erreichen wir über einen ehemaligen russischen Störsender, auf dem wir uns eingebucht haben. Aber ob die immer mit der vollen Energie senden, das können wir leider nicht wirklich kontrollieren.

Und Russland?

Wir sind mit unserem Hörfunk in Moskau und St. Petersburg dabei. Die BBC nicht. Es macht mich auch ein bisschen stolz, wenn ich aus Addis Abeba in Äthiopien höre, dass dort erst dann etwas geglaubt wird, was auf Voice of America zu hören war, wenn es auch bei uns zu hören war. Allerdings haben wir gerade in Äthiopien damit zu kämpfen, dass unsere Frequenzen planmäßig gejammt, also gestört werden.

Wäre es da nicht besonders schön, wenn Sie nicht jedes Jahr um Ihr Budget fürchten müssten?

Das wäre großartig. Dann könnten wir endlich auch mal vernünftig und mit relativer Sicherheit planen. Aber sagen Sie das bitte mal den Damen und Herren im Deutschen Bundestag.

Wie lebt es sich eigentlich mit dem Vorwurf, das TV-Programm der Deutschen Welle sei zu seicht?

Sehr gut. Jedenfalls dann, wenn ich mir von einem grünen Bundestagsabgeordneten anhören muss, wir würden ein viel zu positives Bild Deutschlands vermitteln.

Das war doch nicht etwa Christian Ströbele?

Genau der. Ströbele hat in der vergangenen Legislaturperiode zu mir gesagt, das ginge so nicht, die würden doch in Nigeria alle sofort das Ränzlein schnüren, wenn sie sähen, wie schön es hier bei uns ist. Was also soll ich machen? Selbst wenn ich einen Film über Hartz-IV-Empfänger brächte, würden die doch immer noch zu uns kommen wollen, so schlecht wie es den meisten da geht. Wir befinden uns auf einer Gratwanderung. Und daran wird sich auch nichts ändern. Denn genau das ist unsere vornehmste Aufgabe.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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