Medien : Deutscher Medienpreis: Bitte recht freundlich, Mr. President!

Elly Junghans

Bill Clinton gehört zu jenen Staatsmännern, die sich vor Ehrentiteln gar nicht retten können. Allein in diesem Jahr wurde der US-Präsident schon von so unterschiedlichen Organisationen wie der amerikanischen Lobby gegen Schusswaffen, dem Rat der aus Asien und dem Pazifikraum stammenden US-Bürger und dem Verein zur Versöhnung von Jugendlichen im Nahen Osten geehrt. Zu allem Überfluss erhält er nun auch noch den Deutschen Medienpreis, seine zweite deutsche Auszeichnung in diesem Jahr. Anders als beim Karlspreis hat der US-Präsident indes keine Zeit, sich seine Trophäe in Deutschland abzuholen. Zur Übergabe der vom Marktforschungsunternehmen Media Control erfundenen Auszeichnung am Mittwoch ist deshalb eine Delegation deutscher Chefredakteure mit Control-Chef Karlheinz Kögel an der Spitze nach Washington gereist. Aus den Chefredaktionen hoffen auf einen Händedruck mit Clinton: Stefan Aust ("Der Spiegel"), Manfred Bissinger ("Die Woche"), Kai Diekmann ("Welt am Sonntag"), Mathias Döpfner ("Die Welt"), Wilm Herlyn (dpa), Hans Mahr (RTL) und Patricia Riekel ("Bunte").

Normalerweise wird der Deutsche Medienpreis, den schon so illustre Politiker wie Helmut Kohl und Nelson Mandela erhielten, in Baden-Baden verliehen - mit beträchtlichem Prominentenauftrieb, von deutschen Spitzenpolitikern bis hin zu Boris Becker und Frau Barbara. Doch Clinton ist mit der Abwicklung seiner Präsidentschaft und dem Wahlkampf zu beschäftigt, weshalb die Zeremonie ins Oval Office verlegt worden ist. Die Planer im Weißen Haus überlegten gestern noch, ob sie den Zehn-Minuten-Termin besser vor oder nach dem Mittagessen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Giuliano Amato platzieren sollten. Vormittags muss Clinton zu einer Religionskonferenz, zum Abendessen ist er mit hispanischen Abgeordneten verabredet.

Nach dem Karlspreis im Juni war den Terminverwaltern im Weißen Haus ein bisschen schwer zu vermitteln, warum der Präsident schon wieder eine deutsche Ehrung bekommen muss. "Ist das in Deutschland eine große Sache?", fragte ein Mitarbeiter des Pressestabes blasiert. Nach Angaben von Media Control erhält Clinton den Preis für seine Verdienste um die Menschenrechte und globale Zusammenarbeit. Es empfiehlt sich, die Begründung nicht zu sehr zu hinterfragen - ähnlich wie bei Kanzler Schröder, der von einer US-Stiftung wegen seiner Leistungen um die deutsche Demokratie und die europäische Einigung zum "Welt-Staatsmann des Jahres" gekürt worden ist.

Anders als Schröder, der sich Stunden vor der eigentlichen Preisverleihung in New York zu einer fingierten Zeremonie für die TV-Kameras überreden ließ, hat Clinton offensichtlich nicht die Absicht, für seine deutschen Gönner ein Medienereignis zu inszenieren. Sein Hausfotograf war nach dem Stand von Montagabend der einzige, der die Übergabe des Deutschen Medienpreises für die Nachwelt festhalten soll. Ähnliche Fotos werden im Weißen Haus zu unzähligen Gelegenheiten angefertigt - wie zum Beispiel im Februar 1997, als sich der US-Präsident mit seiner verdienten Mitarbeiterin Monica Lewinsky im Oval Office ablichten ließ.

In der Hierarchie des Weißen Hauses hat die von Media-Control-Chef Karlheinz Kögel initiierte Ehrung einen untergeordneten Rang. Viel wichtiger ist für Clinton derzeit die Spendenwerbung für den Wahlkampf von Vizepräsident Al Gore. Am Herzen liegt ihm darüber hinaus die Nahost-Politik, so dass eine kleine Organisation wie "Seeds of Peace" (Samen des Friedens), die Begegnungen zwischen israelischen und palästinensischen Jugendlichen vermittelt, für eine Titelverleihung eine ganze Stunde seiner Zeit bekommt. Zu anderen Ehrungen schickt Bill Clinton gerne einen Stellvertreter. Den deutschen Chefredakteuren kann man deshalb nur wünschen, dass sie wirklich einen Foto-Termin mit dem Präsidenten bekommen - und nicht nur eine Führung durchs Weiße Haus.

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