Medien : Deutscher Steve McQueen

Wolfgang Menge erfand den Zollfahnder Kressin. Er wollte Heinz Bennent und bekam Sieghardt Rupp

Thomas Eckert

Wolfgang Menge redet nicht gern schlecht über andere. Wenn man ihn fragt, wie ihm denn Sieghardt Rupp als Zollfahnder Kressin gefallen hat, dann zieht er ein-, zweimal an seiner erkalteten Pfeife, blickt, als träume er, in den Garten hinter seinem Haus und sagt dann erst mal nichts. Nach einer Weile sagt er dann aber doch etwas: „Mein Favorit für die Rolle war Heinz Bennent. Der hatte, was ich mir vorstellte. Etwas Geheimnisvolles, Hartes, Straffes. Ein deutscher Steve McQueen.“ Wenn es schon nicht Steve McQueen sein konnte, die Idealbesetzung, dann eben Bennent.

Die ersten vier Kressin-Drehbücher schrieb Menge in einem Rutsch. Es war seine Idee, den Zollfahnder in Köln anzusiedeln. Von „Stahlnetz“ hatte Menge die Nase voll, „Tatort“ und die Idee, regionale Besonderheiten aufzunehmen, gefielen ihm. Also Kressin. Also Sieghardt Rupp. „Ein sehr guter Schauspieler, sicher“, sagt Menge, „aber leider überhaupt nicht der Typ, den ich wollte.“ Weil ihm dieser Rupp zu südländisch war und weil er deshalb „nicht passte“.

Wie Rupp zu der Rolle kam, das kann Menge auch heute noch nicht sagen. „Irgendeinem der Regisseure lag der Bennent offenbar nicht.“ Der Rupp dagegen sehr. Natürlich ist nie einer auf die Idee gekommen, den Autor Menge nach seiner Meinung zu fragen, geschweige denn, sie ernst zu nehmen.

Auch deshalb machte Menge nach den ersten vier Kressin-Folgen mit seinem Zollfahnder Schluss. „Ich habe nicht weitergemacht“, sagt Menge, „weil es nicht ging“. Mit leichtem Schaudern denkt Menge an Szenen zurück, in denen sein Zollfahnder mit zwei Frauen im Bett lag: „im Morgenmantel“. Lächerlich. Das hätte bei seinem McQueen ganz sicher anders ausgesehen.

Aber soll bloß keiner denken, solche Szenen hätten auch nur irgendetwas mit dem Leben des Autors zu tun. Konservativ nennt sich Menge, jedenfalls in dieser Beziehung. Nicht ein Mal habe er es bei Dreharbeiten in die Herbertstraße, Hamburgs berühmte Puff-Meile, geschafft. „Ich habe nie verstanden, was man da wollen kann“, sagt er, „also bin ich lieber gleich draußen geblieben.“ Es war nicht das Milieu des Wolfgang Menge.

Insgesamt schrieb Menge acht „Tatorte“. Heute sieht er sich höchstens „jeden 30.“ an. „Es interessiert mich nicht mehr.“ Zu viel Gewalt. Zu wenig Witz. „Ich fand es immer am schönsten, wenn der Täter am Ende davonkam. Oder doch noch flüchten konnte.“ Das war die Zeit, als es noch Gentleman-Gangster geben durfte. Heute geht es meistens um Gewalt in ihrer härtesten Ausprägung. Die Zeit des Schönen ist vorbei.

Einmal wäre der Autor Wolfgang Menge beinahe zum Ideengeber für ein Verbrechen geworden. Was ihm gefallen hätte – und auch wieder nicht. Gunter Witte, damals beim WDR zuständig für den „Tatort“, fragte Menge, ob er nicht einmal einen „Tatort“ über eine Flugzeugentführung schreiben wolle. Menge dachte sich, Flugzeugentführung kann doch jeder, und erfand eine Zugentführung. Am 2. Mai 1971 lief „Kressin stoppt den Nordexpress“, der siebte „Tatort“ von heute 600. Krimi-Folgen

Drei Monate vor dem Sendetermin, die Folge war längst fertig, wurde in Holland genau so, wie Menge es sich ausgedacht hatte, ein Zug entführt. Die Gangster waren schneller als der WDR. „Besser als umgekehrt“, sagt Menge.

Ob er denn trotz allem einigermaßen zufrieden sei mit seinen „Tatorten“? Menge zieht an seiner immer noch kalten Pfeife, deren Hals brach und die er mit Sekundenkleber so geflickt hat, dass – zu seinem Leidwesen – ein leichter Knick geblieben ist, und zitiert aus seiner Rede, die er gehalten hat, als er 2002 den Deutschen Fernsehpreis bekam: „Wir fangen an, dann kommen die anderen und machen was draus. Was auch immer.“ Und jetzt: auf Wiedersehen. Genug Zeit mit alten Sachen vertrödelt.

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