Deutsches Auslandsfernsehen : Das Wellen-Modell

Der Riesenmarkt Lateinamerika bringt immer neue Fernsehsender und Programme hervor. Nach den USA und arabischen Ländern, wirbt nun auch Deutschland verstärkt um Zuschauer - allerdings etwas spät.

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20 Stunden täglich sendet die Spanisch-Redaktion der Deutschen Welle mit Leiter Carlos Delgado und Moderatorin Pía Castro in Lateinamerika. Foto: Promo
20 Stunden täglich sendet die Spanisch-Redaktion der Deutschen Welle mit Leiter Carlos Delgado und Moderatorin Pía Castro in...

Zusammen mit dem Wettlauf um Märkte und Rohstoffe hat in Lateinamerika die Schlacht um die TV-Zuschauer begonnen. Die Nase vorn bei der Einschaltquote hatten jahrelang die US-Amerikaner, doch sie bekommen zunehmend Konkurrenz. Aus Lateinamerika, den arabischen Ländern – und nun aus Deutschland mit der Deutschen Welle. Seit kurzem sendet diese hier täglich 20 Stunden auf Spanisch statt wie bisher nur zwei Stunden. „Lateinamerika ist ein Global Player, das hat nun auch die Bundesregierung erkannt und daraus die Konsequenzen gezogen“, so Gonzalo Cáceres von der Deutschen Welle und verantwortlich für die Ko-Produktionen mit lateinamerikanischen Sendern.

Doch die deutsche Welle kommt spät. Den Auftakt des Kulturfeldzugs machten Ende der 80er Jahre die US-amerikanisch geprägten Spielshows, die in Miami produziert und in ganz Lateinamerika an nationale Sender verkauft und ausgestrahlt wurden. Dem reinen Unterhaltungsfernsehen folgte in den 90er Jahren die spanischsprachige Version des Nachrichtensenders CNN. Ergänzt wurde er durch Sender wie Univisión, zugeschnitten auf Hispanos in den USA und ebenso wie CNN mit einem klarem US-Fokus aufs Weltgeschehen.

Aus Mexiko und Brasilien haben die US-Sender in ihrem Hinterhof Lateinamerika mediale Wettbewerber. Der mexikanische Gigant Televisa und der brasilianische Sender Globo verbreiten schnulzigen Seifenopern. 2005 startete der von Venezuela gesponserte, lateinamerikanische Nachrichten- und Informationsender Telesur, der auf Dokumentarfilmen über die Befreiungshelden Simón Bolívar und Che Guevara setzt, getreu seiner linksalternativen Weltsicht gerne die einfachen Bauern und Handwerker zu Protagonisten erhebt und die USA zum Buhmann macht. Doch Telesur kommt bis heute nicht aus dem einstelligen Einschaltquotenbereich heraus.

Auch die Araber entdeckten den Subkontinent. Al Dschasira International machte vor einigen Jahren den Anfang und warb CNN reihenweise die Starkorrespondenten ab. Neuester Streich aus der arabischen Welt ist HispanTV, ein über fünf Satelliten erreichbarer, iranischer Propagandasender mit verschleierten Journalistinnen, arabischen Seifenopern und dem omnipräsenten iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad.

Die Deutsche Welle setzt auf junge Präsentatoren und eine Mischung aus Nachrichten, Unterhaltungsprogrammen und Debatten. So soll nicht nur das in Lateinamerika manchmal etwas verkorkste Deutschlandbild zurechtgerückt, sondern auch ein Modell verbreitet werden: Die Deutsche Welle als Vorbild für ein anspruchsvolles, öffentlich-rechtliches Fernsehen.

Zwar haben Ecuador, Paraguay, Venezuela, El Salvador und Bolivien in den vergangenen Jahren viel in neue, staatliche Sender investiert, doch das öffentlich-rechtliche Konzept ist in Lateinamerika weitgehend unbekannt; die meisten der neugegründeten Sender werden von den Bürgern als Staatspropaganda empfunden und wurden von den Regierungen auch so konzipiert. Die linken Präsidenten Ecuadors und Venezuelas betrachten die staatlichen Medien als Bestandteil eines Feldzugs gegen die „verfeindete bürgerliche Kampfpresse“.

Aber es gibt auch Ausnahmen wie Paraguay und El Salvador, wo sich die Linksregierungen um eine Neukonzipierung des staatlichen Fernsehens bemühen und dabei von der Deutschen Welle beraten werden. Im März organisiert die Weltbank ein Forum in El Salvador, auf dem ein Weißbuch zu staatlichen Medien erarbeitet werden soll. Gonzalo Cáceres von der Deutschen Welle ist zuversichtlich: „Wir glauben, dass es durchaus einen Markt gibt in Lateinamerika für anspruchsvolles Qualitätsfernsehen.“ Sandra Weiss, Puebla

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