Medien : Deutschländer

Thilo Wydra

Welche Bilder gehen einem durch den Kopf, wenn man an Deutschland denkt? Welche Erlebnisse, welche Eindrücke? Welche Stadt ist es, mit der man Deutschland am ehesten verbindet? Ist es die, in der man lebt? Oder vielleicht die, nach der man sich sehnt? Die Reihe "Denk ich an Deutschland" will diese Fragen mit fünf Dokumentarfilmen beantworten. Sie startet im Bayerischen Fernsehen heute um 22 Uhr 45, ab Montag läuft sie auch im WDR-Fernsehen.

Den Auftakt macht Leander Haußmann mit "Die Durchmacher", es folgen Klaus Lemke mit "Die Leopoldstraße kills me", Peter Lilienthal mit "Ein Fremder", "Adeus und Goodbye" von Peter Patzak und zuletzt Fatih Akin mit "Wir haben vergessen zurückzukehren". Fünf Regisseure - fünf Deutschländer. Fünf Persönlichkeiten - fünf gelebte Leben. "Denk ich an Deutschland", das ist eine Reise durch gedankliche und geographische Landschaften, durch Städteschaften, durch Kopf-Bilder, durch private Biografien.

Leander Haußmanns heutiger Beitrag eröffnet die Reihe. Haußmann, Erfolgs-Regisseur von "Sonnenallee" (1999), und von 1995 bis 2000 Intendant am Bochumer Schauspielhaus, denkt an Berlin - an das Ost-Berlin vor 20 Jahren, als 1981 jene Gruppe der Durchmacher auseinander brach, die seinem Film auch den Titel gibt. Die Durchmacher, das war eine Gruppe von acht jungen Menschen, alle um die 20 und mit dem vagen Berufswunsch Drucker. Jeden Tag wurde heftig getrunken und gefeiert, sich "Die Durchmacher" zu nennen, lag nahe. Mit seinem Co-Autor Boris Naujoks, der auch zu jenen Acht zählt, begibt sich Haußmann auf Spurensuche. Und dabei stellt er das Gestern neben das Heute, die alten Schwarzweiß-Aufnahmen neben die mit der Digital-Handkamera aufgenommenen Farbaufnahmen aus dem Jetzt, Hier und Heute. Unweigerlich kommt da Wehmut auf, wenngleich es eine fröhliche Wehmut ist. Haußmanns Doku ist von einer Melancholie durchzogen, die ein wenig wie ein Abgesang anmutet. Und das Berlin, das er zeigt, es ist ein graues, beinahe trostloses Berlin. In den Wohnungen seiner Kumpel von anno dazumal scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, und irgendetwas oder irgendwem weint man laut lachend und doch still immer nach. Und sei es nur die Musik der 70er oder eine Frau. Haußmanns Berlin, Haußmanns Deutschland, es wirkt wie ein Ding ohne Identität.

Und in welchem Verhältnis das Private zum Politischen steht, auch das wird in den fünf Arbeiten deutlich. In Peter Lilienthals Arbeit etwa ist im Titel "Ein Fremder" (10. November) schon eine sehr persönliche Haltung ausgedrückt, die des Unbehausten, der fremd einzieht, fremd auch wieder auszieht. Lilienthal geht jüdischem Leben in Deutschland nach, und er geht rechtsextremistischem Verhalten Ausländern gegenüber nach. Und Klaus Lemke? Er beschränkt sich auf eine Stadt, auf eine Straße, auf Münchens Champs-Elysées, die Leopoldstraße. Ein Mikrokosmos. Dort, wo er früher einmal Dolly Dollar, Cleo Kretschmer, Iris Berben und Wolfgang Fierek entdeckte, dorthin treibt es ihn bei dem Gedanken an Deutschland, zum Boulevard, der mit der glitzernden Boheme von einst nur noch wenig zu tun hat: "Die Leopoldstraße kills me" heißt sein Resümee (3. November).

Fatih Akin, der türkische Regisseur mit deutschem Pass, der durch seine beiden Kinofilme "kurz und schmerzlos" und "Im Juli" bekannt wurde, er begibt sich auf die Reise, die ihn von Hamburg nach Filyos führt: "Wir haben vergessen zurückzukehren" (28. November). Bei Akin wird das Wandern, das Fremd-Sein, allein schon durch die große geografische Bewegung spürbar. Und auch Peter Patzak ("Adeus und Goodbye", 17. November) treibt es in die Ferne: Er reist deutschen Freunden nach, dem Kameramann Uli Burtin, der in Brasilien lebt und dort mit seinen 60 Jahren neu beginnen will. Oder eeiner früheren Mitarbeiterin, die in New York in einer Underground-Band singt.

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