Medien : Deutschland im „Kälteschock“ Konferenz erinnert an „Spiegel“-Affäre von 1962

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50 Jahre nach der „Spiegel“-Affäre hat der Zeitzeuge Hans-Dietrich Genscher den Polit-Skandal als prägenden Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik geschildert. „Für mich ist in diesen Tagen die Republik eine andere geworden“, sagte der damalige Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion am Wochenende auf einer Konferenz in Hamburg. Als er im Oktober 1962 gehört habe, dass Kriminalbeamte die Redaktionsräume des Nachrichtenmagazins besetzt hätten, sei das ein „Kälteschock“ für ihn gewesen. „Ich hatte das Gefühl, es wird kälter im Land“, sagte Genscher. Einhellig wurde bei dem hochkarätig besetzten Treffen des „Spiegels“ der Polit-Thriller als Wendepunkt oder historische Zäsur bezeichnet. Damals sei versucht worden, den „Spiegel“ mundtot zu machen, sagte der jetzige Chefredakteur Georg Mascolo: „Es ging um die junge Pflanze der Demokratie, die 17 Jahre nach Kriegsende noch ziemlich schwache Wurzeln hatte.“ Nach einem kritischen „Spiegel“-Artikel über die Bundeswehr („Bedingt abwehrbereit“) war im Oktober 1962 – auch auf Initiative von Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß (CSU) – die Zentrale des Magazins durchsucht worden. Mehrere Redakteure wurden festgenommen, Herausgeber Rudolf Augstein kam für 103 Tage in Untersuchungshaft. Am Ende blieb vom Verdacht des Landesverrats und der Bestechung aber nichts übrig – der „Spiegel“ ging als Gewinner aus der Affäre hervor.

Der große Verlierer des Skandals war Strauß, der nach einem Aufstand der fünf FDP-Minister seinen Platz im Kabinett von Kanzler Konrad Adenauer (CDU) räumen musste. Durchaus nicht zum Ärger von Adenauer, wie Genscher schilderte. Mit Strauß' Sturz hatte dessen langjähriger Widersacher Augstein sein Ziel erreicht, so der allgemeine Tenor der Konferenz. „Es ist keine Frage, dass Augstein den ,Spiegel‘ als Kampfinstrument gegen Strauß eingesetzt hat“, analysierte Augstein-Biograf Peter Merseburger. dpa

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