"Deutschland sucht den Superstar" : Die Krawallbürsten

In der RTL-Talentshow sind diesmal vor allem schräge Typen gefragt.

Sebastian Leber
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Jeder Spleen zählt. Annemarie Eilfeld (l.) schaffte es trotz vieler Buhrufe in die nächste Runde – ihre Konkurrenten Benny...

Für einen Augenblick sah es aus, als sei Dieter Bohlen nach all den Jahren zur Besinnung gekommen und blicke nun entsetzt auf sein eigenes, wenig erbauliches Lebenswerk: Wer sich als „Everybody’s Arschloch“ gebe, sagte er, brauche sich nicht über die vielen Feinde zu wundern. Doch halt, er meinte nicht sich selbst, er verhöhnte bloß Annemarie Eilfeld, die Kandidatin, die am Sonnabend wie bei jeder Mottoshow zuvor vom Studiopublikum ausgebuht wurde.

So viel Hass hat in sieben Jahren „Deutschland sucht den Superstar“ noch kein Teilnehmer auf sich gezogen. Die anderen Kandidaten nennen Annemarie Eilfeld „eine falsche Schlange“, „herzlos und hinterhältig“. Sie klatschen, wenn Juror Bohlen sie beleidigt. Warum genau, lässt sich kaum noch in wenigen Sätzen erklären. Ein Versuch: In der vorletzten Show spielte RTL eine Filmsequenz ein, in der Annemarie verriet, sie würde am liebsten Konkurrent Holger aus der Show wählen, weil der nicht zu DSDS passe. Daraufhin stürmte Holger auf Annemarie los, und jetzt sind Marc und Sarah wütend auf Annemarie, weil die angeblich nur vorspiele, Angst vor Holger zu haben. Das wiederum findet Daniel doof, denn Marc und Sarah seien selbst nicht ganz fair. Außerdem soll Annemarie einer anderen Kandidatin die Idee geklaut haben, sich auf der Bühne die Kleider vom Leib zu reißen, aber dieser Vorwurf lässt sich nicht aufklären: Die andere hat DSDS freiwillig verlassen. Sie hielt den Stress nicht aus, sagte sie.

Wenn die Macher der Show nun den Eindruck vermitteln, mit Annemarie Eilfeld habe es diesmal versehentlich eine Superzicke in die Mottoshow geschafft, dann wirkt das reichlich perfide. Tatsächlich arbeitet RTL die ganze Woche über daran, den Konflikt weiter zu eskalieren. Zum Beispiel in Nebenprodukten wie dem „DSDS-Magazin“. Da werden den Kandidaten Bilder gezeigt, die den Verdacht nahelegen, zwei Konkurrenten hätten Parfumproben unterschlagen, anstatt sie gerecht aufzuteilen. Im Mittagsjournal „Punkt 12“ wird Annemarie mit der Frage konfrontiert, wie es sich denn nun anfühle, von keinem gemocht zu werden. Die Gemobbte beteuert übrigens ihre Unschuld – und wirft dem Sender vor, sie mit verkürzten Zitaten ausgetrickst zu haben.

Wie gründlich der Krawallfaktor der aktuellen Staffel geplant ist, ahnt man, wenn man ein Interview mit RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger vom Mai vorigen Jahres aus dem Archiv kramt. Schon damals verkündigte Sänger, DSDS 2009 werde einen starken „Doku-Soap-Charakter“ haben. Dazu gehört wohl auch, dass jeder Kandidat eine Leidensgeschichte vorweisen kann. Eine Teilnehmerin sang für ihre krebskranke Mutter, bei dem anderen war die Mutter schon tot, der dritte wuchs im Heim auf und die vierte hatte wenigstens starkes Rheuma. Gleich drei Kandidaten wollen in der Schule gemobbt und geschlagen worden sein. Und dann ist da Vanessa Neigert. Die hatte seit drei Jahren ihren Vater nicht gesehen. Am Sonnabend inszenierte RTL die Familienzusammenführung: Papa Franz durfte erst beteuern, dass er seine Tochter auch arg vermisst, sich ein Treffen „halt nicht so ergeben“ habe. Dann wurde umarmt und geweint.

Typen mit „Charakter und Spleens“ möchte Dieter Bohlen dieses Mal finden. Den größten Spleen – und deshalb auch die Favoritenrolle – hat Holger Göpfert, der untersetzte Verwaltungsangestellte. Extremer Nuschler, Nichtschwimmer, Frauen-Nichtansprecher. Manche sehen in dem 27-Jährigen bereits den deutschen Paul Potts, Dieter Bohlen nennt ihn „Forrest Gump“ und empfahl Schwimmunterricht. Das Konzept, einen wie Holger in die Gesellschaft zu integrieren, kennt man aus der Pro7-Show „Das Model und der Freak“. Und die neue DSDS-Masche, Kandidaten kopfüber oder mit Riesenschlange um den Hals singen zu lassen, erinnert verdächtig ans „Dschungelcamp“.

Die Show geht mit der Zeit, genau wie „Wetten dass..?“, wo am Sonnabend Iris Berben Stierhoden probierte. Gottschalks Quote war mäßig, 9,2 Millionen sahen zu, immerhin fast doppelt so viele wie bei Dieter Bohlen. Sicherlich sind bei DSDS noch nicht alle Feindschaften und Krankheitsgeschichten zu Ende erzählt, es sind noch sechs Shows bis zur Verkündung des Superstars. Die nächste findet erst in zwei Wochen statt.

Ach ja, gesungen wurde am Sonnabend auch: Holger war gut, Marc musste gehen.

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